Park und Architektur

Einzigartige Geschichte, spektakuläre Forschung, moderne Architektur – dieser Dreiklang ist das bestimmende Charakteristikum von Museum und Park Kalkriese, dem Ort der Varusschlacht.

Auf dem sogenannten Oberesch konnten seit 1990 die meisten Hinweise auf das Kampfgeschehen zwischen Römern und Germanen entdeckt werden. Im Jahr 2000 wurde hier der Park des Museums eröffnet. Er erstreckt sich über eine Fläche von über 20 Hektar. Architektur und Landschaftsgestaltung wurden von Mike Guyer und Annette Gigon zusammen mit dem Büro Zulauf Seippel Schweingruber, alle aus der Schweiz, entwickelt.

Der hier realisierte Ansatz erwies sich für viele Folgeprojekte im In- und Ausland als wegweisend. So wurde weder Ort noch Ereignis rekonstruiert und stattdessen inmitten der Landschaft am Kalkrieser Berg ein einzigartiger Reflexionsraum geschaffen. So bietet der Park dem Besucher eine spannende Kulisse für eigene Überlegungen zur Varusschlacht und ermuntert zu Erkundung durch Gehölz und Gestrüpp.

Kinder können mit dem Rätselspiel »Der Spurensucher« den Ort auf eigene Faust erkunden. Doch der Park hat noch mehr zu bieten: kleine Bäche, schmale Brücken, den Kletterwald oder den Themenrundgang »Undercover«, an dem sie Mister Reagan Wurmsky empfängt, um sie in die »Unterwelt« zu begleiten.

Auch eine Fülle von Veranstaltungen findet alljährlich im Park statt. Zu den bekanntesten gehören die Römer- und Germanentage und das Forum Kalkriese und überdies sorgt auch die Natur im Frühjahr, Sommer, Herbst und Winter für Abwechslung.

Pavillons

Raum zum Nachdenken

Im Park befinden sich der Pavillon des Sehens, der Pavillon des Hörens und der Pavillon des Fragens.

Der Pavillon des Sehens zeigt kein Bild der Schlacht, der Pavillon des Hörens gibt keine Geräusche aus der Vergangenheit wieder, der Pavillon des Fragens gibt keine Antworten. Es sind Orte, die die Wahrnehmung schärfen und die sinnliche Auseinandersetzung anregen. Hier ist nicht Wissen, sondern Vorstellungskraft gefragt. Was geschah an diesem Ort? Welche Geräusche erschütterten wohl die Landschaft? Die Varusschlacht ist Vergangenheit – Krieg jedoch gibt es immer noch. Warum?

Der Pavillon des Sehens
Im Pavillon ist es dunkel, sehr dunkel sogar. Nur durch ein großes Prisma dringt Licht und das verfremdete Bild der Umgebung. Das Feld. Wie wir es heute sehen. Es ist ruhig, man könnte fast sagen, friedlich. Keine Spur von Verwüstung und Tod wie vor 2000 Jahren. Um eine Ahnung zu wecken, müssen wir unsere Sicht auf diesen Ort bewusst verändern ...

Der Pavillon des Hörens
Zuerst das dumpfe Geräusch der marschierenden Soldaten. Dann wird der gleichmäßige Takt unterbrochen. Unruhe. Befehle, Rufe, Schreie und Stöhnen der Verwundeten.
Heute ist davon glücklicherweise nichts mehr zu hören. Auch die Erinnerung daran ist fast vergessen. Was verbindet uns mit den Menschen, die hier vor so langer Zeit einander bekämpften und litten?
Das Hörrohr fängt den Klangteppich des 21. Jahrhunderts auf und verstärkt ihn am Ohr des Zuhörers. Man kann es zum Wald hin ausrichten oder in Richtung auf das Moor. – Wie war wohl dem Legionär zumute, als er bemerkte, dass etwas nicht stimmte, und angestrengt versuchte, jeden verdächtigen Laut wahrzunehmen?

Der Pavillon des Fragens
Wie gesagt, 2000 Jahre sind eine lange Zeit. Was also geht mich dieses Scharmützel der alten Römer an?
In unserem Land hat es seit vielen Jahrzehnten keinen Krieg gegeben. Gott sei Dank! Andererseits ist der Krieg allgegenwärtig. Spätestens während der abendlichen Fernsehnachrichten. Aber so etwas, wie hier geschah, passiert doch nicht mehr. Oder ... ?

Der Weg der Römer

Wegmarken aus vergänglichem Material

Der Weg der Römer führte vermutlich von Osten kommend entlang des Kalkrieser Berges. Nach der Niederlage und der Plünderung des Schlachtfeldes weist nach 2000 Jahren nur noch eine dünne, aber deutlich sich abzeichnende Streuung kleiner Fundstücke auf die Route hin, die die römischen Legionäre wohl mit ihrem Tross 9 n. Chr. einschlugen.

Dieser Weg ist nun mit Platten belegt, die ganz offensichtlich dem Verfall durch Rost ausgesetzt sind. Ähnlich wie die Erinnerung an die Schlacht und die Gefallenen in Laufe der Zeit immer blasser wurde, bis sie im Mittelalter in Vergessenheit geriet.

Wie mit der Wiederentdeckung der Schriften des Tacitus im 15. Jahrhundert die Nachricht von der Varusschlacht wiederentdeckt wurde und erneut in das Bewusstsein der Menschen gelangte, so tauchen im einförmigen Nebeneinander der Stahlplatten hin und wieder Platten auf, die kurze Zitate antiker Quellen tragen. Die Beschreibung des Geschehens kehrt an den Ort ihres Ursprungs zurück.

Der Weg der Römer verlief nicht gerade. Er folgte den Vorgaben der Natur, die an diesem Ort ganz besondere Anforderungen bereithielt. Im Süden der dicht bewaldete Berg, im Norden das unwegsame Moor. Die Wahl des gangbaren Wegs schien einfach ...

Der Wall

Im Parkgelände ist der Verlauf des Walls markiert. Bereiche, die durch Ausgrabungen gründlich erforscht wurden, sind mit eng stehenden Metallstangen, den sog. Stelen, gekennzeichnet. Der noch nicht ausgegrabene, aber durch Bohruntersuchungen nachgewiesene Wallverlauf wird durch weiter voneinander entfernt stehende Stelen markiert. Im Landschaftsschnitt ist zudem ein Teil des Walls nachgebaut. Doch neue Forschungen zeichnen mittlerweile ein neues Bild.
Was passierte auf dem Oberesch im Spätsommer des Jahres 9 n. Chr.? Lange Zeit ließ sich diese Frage mit einiger Sicherheit beantworten. Gleich zu Beginn der archäologischen Forschungen in Kalkriese konnte ein aus Grassoden und Erde errichteter 400 m langer Wall identifiziert werden. Er stand hier an einer Engstelle zwischen dem Kalkrieser Berg und dem nördlich gelegenen Großen Moor. Archäologisch ist sicher belegt, dass der Wall vor den Gefechten errichtet und durch die Kampfhandlungen teilweise beschädigt worden war. Kaum etwas sprach für römische, vieles für germanische Bauherren. Und so formte sich ein Bild: Die Germanen hatten an dieser strategisch günstigen Stelle den vorbeiziehenden Römern ein Hinterhalt gelegt, der etwa 400 m lange Wall war ihre Deckung und ihr Schutz.
Doch wie so oft in der Wissenschaft, können neue Methoden, neue Untersuchungen und neue Forschungsergebnisse sicher geglaubtes Wissen ins Wanken bringen. In den archäologischen Grabungen der letzten Jahre wurden an anderen Stellen im Museumspark weitere Überreste von Schanzanlagen gefunden. Hier kam zudem ein weiteres Element dazu: so genannte Spitzgräben. Solche Gräben gelten in der Regel als römisch, sind sie doch vor allem von hunderten römischer Marschlager bekannt. Mit dem aktuellen Wissensstand lässt sich nun ein Bild zeichnen, das nicht mehr auf einem germanischen Hinterhalt aufbaut, sondern einem römischen Marschlager auf dem Kalkrieser Oberesch.
Nach derzeitigem Forschungsstand haben römische Truppen im Vorfeld der Kampfhandlungen auf dem Oberesch – unserem heutigen Parkgelände – ein Marschlager als Rückzugsort und Ruheraum errichtet. Der Ort war gut gewählt, da er auf einer offenen Fläche zwischen zwei Bächen lag und im Norden von einer Niederung begrenzt war. Hier boten sich also bereits an drei Flanken des Lagers natürliche Annäherungshindernisse. Und der ursprüngliche Germanenwall? Er gehörte aller Wahrscheinlichkeit nach zu einem germanischen Gehöft, das hier auf dem Areal stand und mit seinem Freigelände einen geeigneten Platz für das Lager bot. Doch am Ende wurde dieses Lager von den Germanen überfallen und eingenommen. Denn daran besteht kein Zweifel: Die Überreste der Schlacht mit den Toten und den römischen Funden belegen eindeutig den für die Römer verlustreichen Kampf in Kalkriese.

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