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Römischer Schienenpanzer in Kalkriese - neuer Fund auf dem Schlachtfeld

Illustration: Roland Warzecha

Wissenschaftler präsentieren Jahrhundertfund

Wieder einmal ist den Archäologen am Ort der Varusschlacht in Kalkriese eine sensationelle Entdeckung gelungen. Gefunden wurde ein römischer Schienenpanzer. Er ist annähernd vollständig und datiert in die Zeit um Christi Geburt. Der Kalkrieser Schienenpanzer ist somit das am besten erhaltene und derzeit älteste bekannte Exemplar dieses Rüstungstyps in der römischen Welt.

Schienenpanzer schützten den Oberkörper der römischen Soldaten. Sie bestanden aus Metallplatten und Schienen, die sich durch Scharniere und Lederriemen miteinander verbinden und dem Träger individuell anpassen ließen.
Als bislang ältester und einzig annähernd vollständig erhaltener Schienenpanzer liefert der Kalkrieser Fund neue Einblicke in die römische Rüstungstechnologie und ermöglicht dank seiner außergewöhnlich guten Erhaltung neue Erkenntnisse zur römischen Militärtechnik.

Obwohl der Schienenpanzer über Jahrhunderte zur festen Ausstattung der römischen Armee gehörte und vielfach abgebildet wurde, gibt es überraschend wenige Funde.
Die bekanntesten stammen aus dem nordenglischen Corbridge, einst ein kleiner römischer Lagerort am Hadrianswall. Die dort gefundenen sechs Hälften von Schienenpanzern datieren in das 2. Jahrhundert n. Chr. und sind somit erheblich jünger als der neue Fund aus Kalkriese.

Bemerkenswert ist allerdings auch der Fundkontext des Schienenpanzers aus Kalkriese. So lag im Hals-/Schulterbereich außerdem eine so genannte Halsgeige. Mit diesem typischen römischen Fesselungsinstrument wurden die Hände des Gefangenen am Hals fixiert. Der so Gefesselte konnte dann zwar noch laufen, sich ansonsten aber kaum mehr bewegen. Eingesetzt wurden Halsgeigen in der römischen Armee vor allem für den Abtransport von Kriegsgefangenen. Das Nebeneinander von Schienenpanzer und Halsgeige in Kalkriese lässt allerdings vermuten, dass hier ein römischer Legionär mit einer Halsgeige zu Tode kam. Über die näheren Umstände seines Todes kann derzeit nur spekuliert werden.

Die Halsgeige im Vorzustand

Entdeckt wurde der Schienenpanzer im Sommer 2018 bei den archäologischen Ausgrabungen im Park des Museums in Kalkriese. Diese Untersuchungen erfolgten in Kooperation mit der Universität Osnabrück. Dabei sollten ursprünglich weitere Erkenntnisse zur Befundlage am Kalkrieser Berg gewonnen werden. Doch im Verlauf der Arbeiten stieß das Ausgrabungsteam auf einen Bodenbereich mit einer außergewöhnlich hohen Fundkonzentration. Ohne dieser weiter auf den Grund zu gehen, wurde angesichts der extremen der sommerlichen Temperaturen entschieden, den gesamten Fundbereich im Block zu bergen und erst zu einem späteren Zeitpunkt unter kontrollierten Laborbedingungen fachgerecht freizulegen.

Um die Freilegung des Blocks vorzubereiten sollte zuvor Licht ins Dunkel gebracht werden und der rund 500 kg schwere Block geröntgt werden. Die erste Reise führte in die große Röntgenanlage des Zollamtes des Flughafens Münster/Osnabrück. Dort ließen sich zwar keine  Details erkennen, aber  immerhin wurde klar, dass es um ein sehr großes metallisches Objekt handeln musste. Die nächste Etappe war deshalb das Entwicklungszentrum Röntgentechnik EZRT des Fraunhofer-Instituts für Integrierte Schaltungen IIS in Fürth mit seinem weltweit größten öffentlich zugänglichen Computertomographie-System XXL-CT. Dieses System ermöglicht es, großvolumige Objekte vollumfänglich dreidimensional zu erfassen. Hierzu wurde der Block auf einem Drehteller über mehrere Tage um 360-Grad gedreht und mit insgesamt 1500 Bildern gescannt.

Zurzeit wird der Schienenpanzer in einem aufwändigen Restaurierungsprozess freigelegt. Im Zuge der Lagerung und durch das Gewicht des Bodens wurden die Platten und Schienen zusammengedrückt und lamellenartig ineinandergeschoben. Die Platten im Schulter- und Brustbereich sind entnommen und zum Teil bereits restauriert. Die derzeit noch im Block liegenden Bauchplatten kommen als nächstes an die Reihe.

Der neue Kurzfilm präsentiert Besucherinnen und Besuchern erstmals dieses außergewöhnliche Fundstück und bietet aktuelle Einblicke in ein sensationelles Forschungsprojekt. In den kommenden Monaten werden Museum und Park Kalkriese mit vielen Beiträgen und Filmen auf Facebook und Instagram einen Blick hinter die Kulissen ermöglichen. Im Jahr 2023 ist eine Sonderausstellung zu den derzeitigen Forschungen in Kalkriese geplant. Ein Highlight wird der Schienenpanzer sein.



Bergung des Blocks im Jahr 2018
bereits restaurierte Brustplatte
Brustplatten in der Restaurierung