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Museumsblog

Ordnung ist das halbe Leben! - Aus dem Leben einer Wissenschaftlerin

25. februari 2020 | Museumsblog | 0 comments

Wer kennt nicht das Sprichwort „Ordnung ist das halbe Leben“?

Spätestens als Teenager hat jeder von uns diesen Spruch von seinen Eltern schon einmal gehört, wenn es darum ging das Kinderzimmer aufzuräumen. Und mit Sicherheit haben die meisten von uns mit den Augen gerollt und „Ja, ja.“ geantwortet. Denn uns war klar, das ist mit Arbeit verbunden und macht keinen Spaß. Doch wenn man dann auf einmal die lange vermisste Kassette oder ein bereits vergessenes Foto wiedergefunden hat, wurde man auch an schöne Momente erinnert und obwohl man es nicht unbedingt gerne machte, bekam das Aufräumen somit einen Sinn.

Einige haben vielleicht sogar mit ihren Eltern diskutiert und erklärt, dass sie eine eigene Ordnung haben, dementsprechend immer alles finden würden und nicht aufräumen müssten, denn andern Falls würden sie selber ja nichts wiederfinden, da die Gegenstände nicht mehr an ihrem angestammten Platz zu finden seien. Wenn jedoch ein anderes Familienmitglied versucht hat im Kinderzimmer mit besagter „eigener Ordnung“ die vermisste Kassette wiederzufinden, wurde sie oder er meistens nicht fündig. Dies war in der Regel anders, wenn das Kinderzimmer aufgeräumt war.

Diese Situation kann man auch auf ein Museum übertragen. Wenn die Ausstellungsstücke in einem Museum nicht nach einer festgelegten Regel geordnet und abgelegt werden, kann sie nur noch derjenige finden, der sie auch abgelegt hat. Alle anderen Mitarbeiter sind dann auf diesen einen Kollegen angewiesen. Und dieser Kollege darf nicht vergessen, wo er jedes einzelne Objekt hingelegt hat. Im Falle von Kalkriese müsste sich dieser eine Kollege den genauen Aufbewahrungsort von über 80.000 Objekten merken. Zum Vergleich: Ein herkömmliches Memory-Spiel enthält 72 Karten, die man sich im Spielverlauf merken soll. Der Mitarbeiter müsste sich also enorm viel merken, dürfte nie etwas vergessen, krank werden oder in Urlaub fahren, da anderen Falls seine Kollegen kein Objekt mehr wiederfinden würden. Da jedoch jeder Mitarbeiter zu jeder Zeit in der Lage sein sollte, sich ein Fundobjekt anzusehen, unabhängig von anderen Kollegen, müssen die Funde geordnet aufbewahrt werden.

Abb. 1 - Das Depot

In Kalkriese befinden sich die meisten Stücke in einem Depot. Dort sind die Funde nach sogenannten Inventarnummern sortiert, die sie bekommen, wenn sie im Bestand des Museums aufgenommen werden (Abb. 1). Man muss im Depot also nur die Nummerierungen durchgehen und kann dann den gewünschten Fund aus seinem Fach nehmen. Doch woher weiß ich, welche Inventarnummer der Fund hat, den ich mir anschauen möchte? Zusätzlich befinden sich einige Objekte in der Dauerausstellung oder als Leihgaben in anderen Museen. Woher weiß man, welcher Fund in welcher Vitrine liegt? Wie behält man den Überblick? Für all dies wurden früher Listen geführt. Da Kalkriese jedoch ein sehr junger Fundplatz ist, wurden hier die Listen im Zeitalter des Computers digital geführt und in einer Datenbank verwaltet. In diesen Listen hat jeder Fund einen Eintrag, wo sämtliche Informationen über den Fund enthalten sind, wie die Maße, das Aussehen, das Material, der Fundort, die Datierung, die Inventarnummer, der Aufbewahrungsort usw. Mit Hilfe dieser Datenbank kann man also erfahren, wo sich der jeweilige Fund momentan befindet.
Doch es ist noch viel mehr möglich. Denn auch Wissenschaftler können diese Informationen nutzen, um den Fundplatz auszuwerten. So können zum Beispiel alle Funde von einem Fundort angezeigt werden. Dies wiederum lässt Rückschlüsse auf den jeweiligen Fundort zu, da man durch die Funde die Nutzung des Ortes durch den Menschen datieren kann. Gleichzeitig kann man sich alle Funde anzeigen lassen, die bereits naturwissenschaftlich untersucht wurden oder alle Funde, die bereits restauriert wurden. Doch diese Suchen in der Datenbank funktionieren nur, wenn die Informationen „richtig“, das heißt nach einem einheitlichen System geordnet und eingetragen werden, ganz ähnlich wie die Suche im Kinderzimmer. Das bedeutet, dass zum Beispiel die Beschreibung eines Fundes im Feld „Beschreibung“ stehen muss und nicht im Feld „Maße“ stehen darf oder, dass die Maße alle in einer Maßeinheit angegeben werden, um die Maße vergleichen zu könne.

Abb. 2 - Arbeit an der Datenbank

Für meine Doktorarbeit, die von der VolkswagenStiftung gefördert wird, ist dies Ordnen der Objektdaten von großer Bedeutung. Thema der Arbeit sind die römischen Funde aus Kalkriese (siehe den Blogbeitrag „Die Kalkrieser Metallfunde im Blick“ vom 28. Juli 2017), die ich unter anderem nach äußeren Gesichtspunkten, wie Form und Maße, aber auch geographischen Angaben, wie Fundort und Fundverteilung, auswerte. Um die Funde mit einander vergleichen zu können, müssen die Daten einheitlich aussehen. Die Datenbank bildet die Grundlage für alle meine Auswertungen. Aus diesem Grunde musste ich in den vergangenen Jahren zunächst diese Daten kontrollieren, Informationen, die noch nicht vorhanden waren, ergänzen und Informationen, die im falschen Feld standen, ins richtige Feld überführen (Abb.2).

Im Herbst 2017 wurden zudem die Informationen aus der älteren Datenbank in eine neue Datenbank übertragen. Bei der neuen Datenbank handelt es sich um kuniweb (Abb. 3). Diese neue Datenbank ist unter anderem wesentlich einfacher in der Bedienung als die ältere Datenbank und bietet die Möglichkeit die Fundinformationen mit einem Foto zu versehen. Darüber hinaus bildet kuniweb die Grundlage für das Portal Kulturerbe Niedersachsen (Abb. 4), in dem sich auch Laien ausgewählte Kulturgüter aus Niedersachsen näher betrachten können. Durch die Übertragung der Funddaten aus der alten in die neue Datenbank mussten die digitalen „Aufräumarbeiten“ auch in der neuen Datenbank durchgeführt werden. Denn nur wenn diese Daten geordnet sind, können die Funde im Depot wiedergefunden und naturwissenschaftliche und archäologische Analysen vorgenommen werden. Demnach haben meine Eltern Recht behalten: Für einen Archäologen ist Ordnung das halbe Leben!

von Uta Schröder

Abb. 3 - kuniweb
Abb. 4 - Kulturerbe Niedersachsen

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