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Gästeführer:innen im Lockdown

15. februari 2021 | Museumsblog | 0 comments

Mein Name ist Henny Pfeffer, ich bin Gästeführerin und schreibe diesen Blockbeitrag jetzt im Februar im Lockdown. Ein Problem, das ich mit den meisten Leuten teile, ist …. die Menschen fehlen! 

Seit Monaten gibt es keine Führungen mehr, natürlich nicht, denn die Infektionszahlen lassen zu Recht kein Publikum im Museum zu. Im Sommer konnten mit den gebührenden Abstands- und Hygienevorschriften noch ganz fabelhafte Parkführungen durchgeführt werden, das geht im Lockdown selbstverständlich nicht mehr.

Die Menschen fehlen, Gruppen, die fein getaktet durch die Ausstellungen geführt wurden. Es kamen die unterschiedlichsten Gruppen: Freundeskreise, die vor Corona jedes Jahr gemeinsam einen kulturellen Ausflug machten, es kamen Betriebsausflüge, Familien, Vereine von unterschiedlichster Art, Gruppen aus der regionalen Nähe, aber auch Gäste von weit weg und natürlich die Schulklassen. 

Die zauberhaften Grundschulklassen hörten von uns völlig gebannt Geschichten vom Germanen Sigurd und der Römerin Laetitia oder entdeckten mit großen Augen und pochendem Herzen bei „Archäologie für Kinder“ einen zukünftigen Berufswunsch.

Die wissbegierigen 5. und 6. Klassen, denen nie die Fragen ausgingen, wunderten sich auf den Spuren von Römern und Germanen, dass Herumschreien und -toben mit zum Programm gehören sollte. Falls einmal die Konzentration während einer Spurenführung etwas nachließ, brauchte nur das Thema Kampfmethoden in der Antike angesprochen werden, und zumindest die kämpferischen Schülerinnen und Schüler waren wieder dabei und fragten schon mal nach den Foltermethoden der Römer und Germanen. 

Anders bei den Jahrgängen 8 und 9, die oft durch ihre große Schweigsamkeit auffielen. Erhielt man nach der Führung eine Äußerung wie „was, die ist Führung schon vorbei?“ konnte man sich glücklich schätzen. „Das war cool“ aus dem Mund eines 9. Klässlers war der Ritterschlag für eine Gästeführerin/einen Gästeführer.

Wohingegen die Oberstufenjahrgänge durch gezielte inhaltliche Nachfragen eine angenehme Herausforderung darstellten. Latein- und Geschichtskurse mit speziellen Schwerpunktthemen, wie z. B. die Rezeptionsgeschichte, waren eine gern gesehene Ausnahme.

Bei Führungen für Menschen mit Handycap geht einer Gästeführerin dann endgültig das Herz auf, wenn man sieht, wie sich Menschen ganz auf ihre eigene Art das Thema Geschichte erschließen. Das macht einfach unheimlich viel Spaß!

Aber auch witzige Momente passierten. So gab es eine Führung „Kochen an der Feuerstelle“, bei der die Gruppe ein römisches Festessen unter der Anleitung der Gästeführerin nachkochen wollte. Die Gruppe bestand aus einer Familie mit vier Generationen und der älteste Teilnehmer, der die Führung finanzierte und der aber ansonsten die Planung des Ausflugs seinem Schwiegersohn überlassen hatte. Er war annähernd fassungslos, als er erfuhr, was auf ihn zukam. Es sollte geschnippelt, über offenem Feuer gekocht und, für ihn erschreckend, auch noch an der Feuerstelle gegessen werden. Als das Geschnetzelte mit Aprikosen, Dill und Honig (sehr lecker übrigens) fertig zubereitet war, die Gruppe hatte bis auf einen Teilnehmer viel Spaß gehabt, wurde gegessen. Und…. es schmeckte allen (!) sehr gut, besonders ein älterer Teilnehmer verlangte noch zweimal einen Nachschlag und lobte seinen Schwiegersohn für die Auswahl des Ziels des diesjährigen Ausflugs. 

Und dann bilden natürlich noch die Sonderausstellungen jedes Jahr ein Highlight. Ganz besonders war 2014 die Ausstellung „Reise in die Unsterblichkeit“ – zwei Mumien und andere ägyptische Originalfunde, die vom Jenseitsglauben der Alten Ägypter erzählten. Diese Ausstellung war vom Museum zum Niederknieen wunderschön aufgebaut und ausgeleuchtet und Besucherinnen und Besucher wurden begeistert von dieser faszinierenden Kultur. Familienführungen in den abgedunkelten Ausstellungsräumen mit einer als Mumie verkleideten Kollegin waren an Spannung nicht zu überbieten. Wir hatten viel Spaß!

Die Aufzählung aller interessanten Ausstellungen würde zu weit gehen, nur noch eine ganz außergewöhnliche will ich erwähnen, die Sonderausstellung „1914 – 1918 Damals nicht, jetzt nicht, niemals!“. Sie hat 2019/2020 viele Menschen sehr berührt. Es wurden Arbeiten von Künstlerinnen und Künstlern aus 31 Ländern auf ganz besondere Art und Weise mit der Geschichte des Ersten Weltkriegs in Verbindung gebracht. Von Serbien, Österreich, über Belgien, Polen bis China nahm die Kunst Bezug auf den Krieg und auf 1919, das Datum des Friedensvertrags von Versailles. Manche Führungen waren so intensiv, dass am Schluss alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer und auch die Gästeführerin um Fassung ringen mussten angesichts der verheerenden Dimensionen des Kriegsgeschehens.

Dieses Jahr führt die Sonderausstellung nach Trier - in die römische Stadt Augusta Treverorum, eine fabelhafte Art und Weise das römische Alltagsleben und den Aufbau einer antiken römischen Stadt zu erkunden. Es werden wieder viele verschiedene Angebote gemacht, vielleicht haben die Gästeführerinnen und Gästeführer sogar Glück und die Gruppen können wieder in den Ausstellungen geführt werden. Sonst gehen wir in den Park, der ist groß genug, um Abstand zu halten.

Denn Sie werden sehr vermisst – die Freundeskreise, die Familien- und Betriebsausflüge, die lauten und leisen Schulklassen, die Menschen, die nach Kalkriese kommen, um Geschichte zu erleben. 

Bis bald, wir sehen uns!

von Henny Pfeffer

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