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Archäologie - Eine Wissenschaft mit hundert Gesichtern

15. juni 2020 | Museumsblog | 0 comments

Michael Drechsler bei der Arbeit

Wer das Wort „Archäologie“ hört hat meistens sofort ein bestimmtes Bild dazu im Kopf: Ein ganzes Team von Leuten in Arbeitsmonturen, die unter sonnigem Himmel in großen Löchern im Boden hocken und mit kleinen Werkzeugen nach wertvollen Objekten graben.
Dieses Bild vom „Schatzgräber“ ist zwar überhaupt nicht falsch – es ist aber nur ein ganz, ganz kleiner Teil von dem, was Archäologie wirklich ausmacht. Denn immerhin handelt es sich um eine der komplexesten Wissenschaft überhaupt!
Die Archäologie erforscht die Vergangenheit des Menschen. Da der Mensch schon vor Millionen Jahren entstanden ist und die Archäologische Wissenschaft nun einmal die ganze Vergangenheit der Menschheit erforscht, schließt sie auch diesen sehr weit zurückliegenden Teil der Vergangenheit ein.

Schädelknochen "Homo Erectus", Sonderausstellung "2 Millionen Jahre Migration"

Aber wie kann man überhaupt etwas erforschen, das in einer Zeit stattfand, in der es keine Bücher, kein Papier und noch nicht einmal Schriftzeichen gab? Eine Zeit, die soweit zurückliegt, dass wir damals sogar einem Affen äußerlich noch viel ähnlicher sahen als heutigen Menschen?

Mit der Entstehung des Menschen vor etwa sechs Millionen Jahren ist gleichzeitig auch die wichtigste Quelle seiner Vergangenheit entstanden: Sein Körper. Wir können noch heute Zähne und Knochen (die haltbarsten Teile eines Körpers) von verschiedenen Menschenarten finden, die vor Millionen Jahren gelebt haben. Das älteste menschliche Skelett der Welt hat sogar einen Namen bekommen: Es heißt „Lucy“, wurde in Äthiopien in Afrika gefunden und ist etwa 3,2 Millionen Jahre alt. Menschliche Knochen lassen sich ebenso gut ausgraben wie die Knochen von Dinosauriern (das Ausgraben und Erforschen von ausgestorbenen Tieren wie den Dinosauriern ist übrigens eine eigene Wissenschaft, die „Paläontologie“).

Wir können aber nicht nur Überreste von Körpern finden. Die ersten Menschen haben durch harte Schläge Steine mit scharfen Kanten erzeugt. Mit diesen scharfkantigen Steinen, den frühesten nachweisbaren Werkzeugen überhaupt, konnte man Fleisch zerlegen und Holz bearbeiten. Die ältesten Steinwerkzeuge der Welt wurden ebenfalls in Afrika gefunden und sind etwa 2,5 Millionen Jahre alt. Zwar besaßen die Menschen damals mit hoher Wahrscheinlichkeit auch schon andere Geräte, zum Beispiel aus Holz – dieses hat sich nach einer so langen Zeit allerdings restlos aufgelöst und daher wissen wir nichts Sicheres über die Holzgeräte dieser Zeit. Tatsächlich ist Stein als Material für diese Zeit so wichtig, dass danach der ganze Abschnitt der frühesten Menschheitsgeschichte benannt wurde: Die Steinzeit.

Die Menschen haben aber neben ihren Knochen und Werkzeugen noch eine weitere Sache hinterlassen, die man archäologisch untersuchen kann: Nämlich die Veränderung ihrer Umwelt. Weltberühmt sind die Fußspuren von Laetoli, die ebenfalls in Afrika gefunden wurden. Dort sind vor etwa 3,6 Mio. Jahren zwei Frühmenschen über feuchte Asche gelaufen. Diese Asche ist anschließend in der Sonne wie ein Gipsabdruck getrocknet und wurde später von Erde zugedeckt.

Solche durch den Menschen verursachten Veränderungen des Bodens nennen Archäologen „Befund“. Damit ist alles gemeint, was man nicht so einfach wie einen „Fund“ in die Hand nehmen kann. Für Archäologen sind Befunde genauso wichtig wie Funde, da man aus beidem die Vergangenheit herauslesen kann! Beides zusammen nennt man „Archäologische Quellen“.

Um die Frühzeit des Menschen zu erforschen braucht man eine Menge Glück, da viele archäologische Quellen aus dieser Zeit heute durch Wetter, Tiere und den Menschen (durch Bauwerke, Äcker oder Stauseen) zerstört worden sind. Außerdem gab es in dieser frühen Zeit nur sehr, sehr wenige Menschen und daher sind auch nur sehr, sehr wenige archäologische Quellen überhaupt erst entstanden.

Wegen der speziellen Bedingungen ist dieser Teil der Archäologie, der die menschliche Frühzeit erforscht, ein eigener Bereich, den man „Fach“ oder „Disziplin“ nennt: Nämlich die Prähistorische Archäologie, Vorgeschichte oder Urgeschichte. Alle drei Bezeichnungen meinen dasselbe archäologische Fach. Die Namen leiten sich vom Gegensatz zur Wissenschaft „Geschichte“ ab, die mit schriftlichen statt archäologischen Quellen arbeitet.
Im Laufe der Zeit verbesserten die Menschen ihre Technik immer weiter. Dadurch konnten mehr Menschen leben und damit stieg auch die Zahl ihrer archäologischen Hinterlassenschaften. Von den verschiedenen Menschenarten jedoch war vor etwa 30.000 Jahren nach dem Verschwinden des Neanderthalers nur noch unsere Art (Homo Sapiens) übrig.

Vor etwa 12.000 Jahren begann im Irak eine gigantische Veränderung der menschlichen Kultur, die sich nach und nach auf die ganze Welt ausdehnte: Statt wie bisher wilden Tieren nachzuziehen und wilde Pflanzen zu sammeln ließ sich der Mensch an einem festen Ort nieder und begann, wilde Pflanzen und Tiere durch Züchtung zu verändern. Das führte zu einer ganzen Reihe wichtiger weiterer Veränderungen: Durch die planbaren Erträge und die Vorratshaltung (die war mit Getreide einfacher als mit Fleisch) explodierte die Anzahl der Menschen. Gleichzeitig gab es nun Kämpfe um fruchtbares Land. Deswegen fanden sich Menschen in Städten zusammen, bauten Mauern und andere Gebäude und erfanden die Schrift, erschufen Armeen und Könige um sich zu schützen. Hier wurde zum ersten Mal „Keramik“ erfunden, also die Technik, etwas aus Ton zu formen und in einem Ofen so heiß zu brennen, dass es hart und damit eine dauerhafte Form bekam (davor gab es noch nicht einmal Töpfe um etwas zu Kochen).

Die Mobilität der Sesshaften, Sonderausstellung "2 Millionen Jahre Migration"

Die Seßhaftigkeit (Menschen bleiben an einem Ort) setzte sich – wie alle anderen menschlichen Erfindungen auch – nicht sofort überall durch, sondern wurde in manchen Teilen der Erde erst sehr spät umgesetzt. Weil diese Veränderung aber so starke Auswirkungen auf die menschliche Kultur hatte (und damit auch auf die archäologischen Quellen) beginnt hier eine neue Epoche der Menschheitsgeschichte und der Archäologie: Die Jungsteinzeit. Damals waren Steine immer noch das wichtigste Material, auch wenn es jetzt zusätzlich Keramik gab. Auch diese Zeit wird von der Prähistorischen Archäologie untersucht. Sie endet erst, als Metall als neue Materialgattung entdeckt wurden.

Obwohl als frühestes Metall Kupfer bereits vor fast 10.000 Jahren verwendet wurde, dauerte es ungefähr 6.000 weitere Jahre, bis es sich in Form von Bronze (das ist Kupfer, das mit anderen Metallen verschmolzen wurde damit es sich besser bearbeiten lässt) als wichtigstes Material durchgesetzt hat. Diese Bronzezeit dauerte in Mitteleuropa (wo die Bronze erst später eingeführt wurde) von 2.200 v. Chr. bis 800 v. Chr., als so bis zum Beginn der Eisenzeit.

Die sogenannten Metallzeiten (alles, was nicht Steinzeit ist) werden von der Frühgeschichte erforscht. In dieser Zeit gibt es zwar auch schon wenige schriftliche Quellen, die archäologischen überwiegen aber bei weitem. Urgeschichte und Frühgeschichte sind normalerweise als eine Wissenschaft (Vor-/Ur- und Frühgeschichte) zusammengefasst.

Bisher haben wir eine Einteilung der Archäologie nach den Epochen der menschlichen Kultur kennengelernt, weil dadurch die Art der archäologischen Quellen bestimmt ist. Diese Einteilung der Archäologie lässt sich fortsetzen: Die sogenannte klassische Archäologie untersucht die Epoche der Griechen und Römer, die Mittelalterarchäologie das Mittelalter und die Neuzeitliche Archäologie natürlich die Neuzeit (bis in die Gegenwart hinein). Diese Archäologien verwenden zur Erforschung der Vergangenheit zusätzlich auch schriftliche Quellen (zum Beispiel Steininschriften). Daher werden sie manchmal auch als historische Archäologien bezeichnet.

Wenn wir nun unseren archäologischen Fundplatz Kalkriese betrachten können wir uns fragen, welcher Bereich der Archäologie für ihn zuständig ist – und diese Antwort ist gar nicht so einfach wie es zunächst scheint.

Denn tatsächlich gibt es noch weitere Möglichkeiten eine archäologische Disziplin zu definieren: Man kann sich auf einen bestimmten Raum konzentrieren wie den Nahen Osten (Vorderasiatische Archäologie) oder Amerika vor Kolumbus (Altamerikanistik) oder auf bestimmte archäologische Bedingungen wie den Bergbau (Montanarchäologie) oder unter Wasser versunkene Fundplätze (Unterwasserarchäologie). All diesen Einteilungen, von denen hier nur einige genannt wurden, leiten sich von der Ähnlichkeit der archäologischen Quellen untereinander innerhalb dieser Einteilungen ab.

Der Fundplatz Kalkriese würde danach entweder in den Bereich der Frühgeschichte fallen (die Germanen lebten vor Ankunft der Römer in der späten Eisenzeit) oder in die klassische Archäologie (schließlich waren die Römer, wenn auch nur einige Jahre, auch hier). Dazu muss man wissen, dass die klassische Archäologie traditionell im Mittelmeerraum, vor allem Griechenland und Italien arbeitet. Durch diese Lücke entstand die Provinzialrömische Archäologie, die als eine der jüngsten Archäologischen Disziplinen erst in den 1960er Jahren in Deutschland entstanden ist. Diese Archäologie untersucht alle Gebiete und Zeiten, die ehemals als Provinz zum römischen Imperium gehört haben und berücksichtigt dabei stark die ursprüngliche Bevölkerung dieser Gebiete. In Kalkriese kommt noch dazu, dass es sich durch das aufgefundene Schlachtfeld um eine besondere archäologische Situation handelt, die besondere Methoden erfordert. Daher findet auf Kalkriese auch die (noch jüngere Disziplin) der Schlachtfeldarchäologie Anwendung.

Neben den archäologischen Fächern muss ein Archäologe auch Kenntnisse von benachbarten Wissenschaften besitzen, da sie wichtige Beiträge zur Erklärung der Vergangenheit liefern können. Das nicht nur verschiedene alte Sprachen sondern auch Geologie und Geographie (Lehre von der Entstehung und Entwicklung der Gesteine und des Bodens), Biologie zur Untersuchung pflanzlicher Reste (Archäobotanik) oder tierischer Reste (Archäozoologie) und der Datierung von Hölzern mit Hilfe von Jahrringen (Dendrochronologie), Physik (zur Boden- oder Materialanalyse, zur Klimarekonstruktion oder zur Altersbestimmung mit Hilfe der Radiokarbondatierung) oder Informatik (Computer sind in allen Bereichen der Archäologie wichtig). Auch die Medizin kann wichtige Beiträge liefern: Die Molekulargenetik fand über die Analyse unserer DNS (der Bauplan des Menschen, der in jeder Körperzelle abgelegt ist) der Zeitpunkt heraus, zu dem Mensch und Affe den letzten gemeinsamen Vorfahren hatten.

Archäologie ist also nicht eine Wissenschaft, sondern ein ganzes Bündel, ein wahrer Baum, der nur mit seinen Wurzeln in den verschiedenen Disziplinen, Hilfs- und Nachbarwissenschaften seine vielfältigen Früchte tragen kann.

von Michael Drechsler

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