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Museumsblog

Unser FSJler berichtet aus der Archäologie V

04. Oktober 2021 | Museumsblog | 0 Kommentare

Münzen faszinieren uns Menschen schon seit Jahrtausenden, ob wir mit ihnen unser täglich Brot bezahlen, in den wohlverdienten Urlaub fliegen oder den Parkautomaten füttern. Aber inwiefern kann eine Münze am Ende einer archäologischen Grabung als Hilfsmittel dienen? Diese Frage habe ich in meinem letzten Blogbeitrag gestellt und die Antwort ist wahrscheinlich so überraschend, wie einfach. Denn am Ende einer Grabungsmaßnahme werfen wir immer eine im aktuellen Jahr geprägte Münze in den Schnitt, damit Archäologen in ferner Zukunft, oder wie auch immer dieser Berufszweig im Jahre 2153 auch heißen möge, beim erneuten Öffnen des Schnitts die Verfüllung direkt richtig datieren können, ganz nach dem Motto: „Der jüngste Fund datiert die Schicht“.
Im Fernsehen wird der Beruf eines Archäologen als eine zumeist sehr abenteuerliche Tätigkeit dargestellt, ob im Kampf gegen giftige Schlangen oder beim Wegrennen vor einem riesigen Felsen, weil man es gewagt hat, eine goldene Statue aus einem antiken Tempel zu stehlen. Dies ist natürlich nicht unmittelbar Realität, aber die Archäologie umfasst auch nicht nur das „buddeln“ im Dreck, sondern auch die wissenschaftliche Dokumentation, welche auf das Jahr gerechnet aus meiner eigenen Erfahrung heraus ungefähr 2/3 der Zeit in Anspruch nimmt. Und genau um diese wissenschaftliche Aufbereitung meiner Projektgrabung soll es in dem folgenden Blogbeitrag gehen.

Schaue ich mich in unserer Ausstellung um, fällt es mir oft schwer zu glauben, dass ein Großteil unserer Ausstellungsstücke einmal tief unter der Erde vergraben waren. Doch bis jene Funde so aussehen, wie sie aussehen, müssen viele Arbeitsstunden investiert werden und das fängt schon beim Reinigen an. So auch bei der Grabung in Venne. Denn wir konnten eine Vielzahl an Keramik- und Porzellanscherben bergen, welche nur im sauberen Zustand richtig klassifiziert werden konnten, und es gehörte auch zu meinen Aufgaben, jene Scherben zu waschen und zu sortieren, um im Nachhinein möglichst viele Scherben identifizieren zu können (Abb. 2). Denn auch Porzellan- und Keramikfragmente haben eine wichtige Aussagekraft für unsere Forschung und Arbeit in der Bodendenkmalpflege.

Grundsätzlich kann man sagen, dass unsere Forschung darauf aufbaut, dass wir auch auf alte Daten vergangener Grabungen schnell und einfach zugreifen können. Zu diesem Zweck arbeiten wir mit einer internen digitalen Datenbank namens „archaeoDox“. Diese erlaubt es uns Daten wie Fotos, Funde, Befunde oder Proben samt Beschreibung unter einer Maßnahme anzulegen und so nicht den Überblick zu verlieren - schließlich hatten wir alleine letztes Jahr 25 archäologische Maßnahmen, darunter vor allem Oberflächenprospektionen und da kommt so einiges zusammen. Ich werde diesen Schritt einmal kurz anhand eines Beispielfundes meiner Projektgrabung erläutern. Dort konnten wir eine Silbermünze bergen, welche einerseits das Brustbild eines Mannes zeigte sowie auf der anderen Seite ein Wappen samt Adler mit der Jahreszahl 1803 abbildete (Abb. 3).

Bereits während der Grabung habe ich die Münze unter der Maßnahme K2020-25 samt Funddatum und grober Klassifizierung sowie den Koordinaten angelegt. Da es sich bei der Münze um den 24ten Fund handelte, erhielt sie die Nummer 24. Glücklicherweise war der Schriftzug auf beiden Seiten der Münze gut zu erkennen und die Identifikation daher recht einfach. Nach kurzer Recherche wurde ich recht schnell fündig und konnte die Münze als 4 Groschen Silbermünze mit dem Abbild von König Friedrich Wilhelm III  identifizieren, dem König von Preußen von 1797 bis 1840 und diese Information als Beschreibung beifügen. So geht man bei allen Funden vor, wobei nicht eingemessene Funde jeweils die Mittelpunktskoordinate der Fläche erhalten, aus der sie geborgen wurden.

Abb. 2: Scherben vor und nach der Reinigung
Abb. 3: Avers FRIDERICUS WILHELM. III BORUSS. REX, Brustbild in Uniform n. l. Revers 84 EX MARCA PURA COLON., Gekrönter Wappenschild mit gekröntem Adler, in den Fängen Zepter und Reichsapfel haltend; l. und r. Jahreszahl = 1803, unten: 4. GR. darunter A = Prägestätte Berlin

Als Nächstes geht es von der Aufnahme der (Be-)Funde, Fotos und Proben in archaeoDox zur Aufnahme der im Schnitt eingemessenen Punkte. Dazu gehören einerseits natürlich die Koordinaten der Funde an sich, aber auch die Grabungs- und Planumsgrenzen sowie die Befundgrenzen, welche wir nicht als „gerade Linie“, sondern mit vielen Punktkoordinaten eingemessen haben. Dazu bedienen wir uns an dem kostenlosen Geoinformationssystem QGIS. QGIS ermöglicht es, Geodaten und Informationen miteinander zu verknüpfen, also einer Koordinate Infos wie z.B. die Art des Fundes zuzuteilen und sie auf einer Karte bildlich darzustellen. Das erleichtert die nachträgliche Verarbeitung dieser Daten. Man kann es sich ähnlich vorstellen wie bei einem Restaurant auf Google Maps, wo durch einen Marker das Restaurant auf der Karte markiert wird und mir mit einem Klick jedwede Informationen zu dem Etablissement angezeigt werden.

Bei diesem Arbeitsschritt kommen nun die sogenannten Fotogrammetrie-Aufnahmen, von welchen ich bereits in meinem dritten Blogbeitrag gesprochen habe, zum Einsatz. Denn mithilfe der eingemessenen farbig markierten Nägel u.a. in den Ecken des Schnitts, kann ich nun Drohnenfotos der Grabungsfläche innerhalb von QGIS so verzerren, dass sie maßstabsgetreu auf der digitalen Karte liegen. Dann kann ich alle eingemessenen Koordinaten samt Informationen ganz einfach in das System einfügen und sie mit einem Symbol meiner Wahl auf den Drohnenfotos sichtbar machen (Abb. 4). Damit die Grabungs-, Planums-, oder Befundgrenzen auch als Grenzen vorliegen und nicht nur als einzelne Punkte, durfte ich die in diesem Kontext eingemessenen und eingefügten Punkte im Anschluss mit einer Linie verbinden (Abb. 5), ähnlich wie von Punkt zu Punkt zu malen - man weiß nie welches Bild sich am Ende ergibt.

Abb. 4: Keramik Funde im 2ten Planum (durch blaue Dreiecke auf einer Fotogrammetrie-Aufnahme in QGIS dargestellt)
Abb. 5: Beispiel von Befundgrenzen im dritten Planum (auf einer Fotogrammetrie-Aufnahme in QGIS dargestellt)

Nun sind alle (Be-)Funde dokumentiert, jedwede Informationen sicher in der Datenbank abgelegt und alle Grenzen gezogen, was kann also noch fehlen? Der Grabungsbericht! Denn am Ende jeder Grabung muss ein Bericht geschrieben werden, in welchem detailliert alle Informationen bezüglich der Maßnahme angegeben werden. Darunter der Anlass, die naturräumliche Einordnung der Fläche, eine Erläuterung der Arbeitsweise, aber natürlich auch die (Be-)Funde und vieles mehr. Dieser Bericht ist sozusagen der krönende Abschluss einer jeden Grabung.

In den Jahren 2020 und 2021 hat sich vieles verändert. Vieles, dass wir zuvor noch für selbstverständlich gehalten hatten, hat sich durch die SARS-CoV-2-Pandemie zu einem Ausnahmefall entwickelt. Und auch mein Projekt hat die Coronapandemie nicht unbeschadet überstanden. Denn durch die Schließung des Museums und andere unvorhergesehene Veränderungen war es mir leider nicht möglich, die Funde der Grabung, wie vorher angedacht, in ihrer Restaurierung zu begleiten. Derselben Problematik sowie durch den Fall, dass wir keine römisch datierbaren (Be-)Funde machen konnten, ist auch die Konzipierung einer eigenen kleinen Ausstellung im Museum zum Opfer gefallen. Dennoch muss ich sagen, dass mein FSJ als Ganzes gesehen glücklicherweise kaum durch die derzeitige Ausnahmesituation belastet wurde, zumindest im Vergleich zu vielen anderen FSJ´lern im Kulturbereich, mit denen ich gesprochen habe. Denn die Forschung, die bei uns betrieben wird, läuft separat beziehungsweise parallel zum Museumsgeschäft und war somit durch die Schließung des Museumsbetriebs nicht direkt betroffen.

Nun ist mein Freiwilliges Soziales Jahr leider bereits zu Ende und die passenden Worte zu finden, wie ich sowohl mein FSJ, als auch diese Blogreihe am besten beende, fiel mir nicht einfach, doch dann kamen mir drei sehr bekannte Worte in den Sinn, die es nicht besser beschreiben könnten: „Veni, vidi, vici“ („Ich kam, sah und siegte“) . Oder um es in meinen Worten zu sagen: Ich habe dieses FSJ mit ohne wirkliche Vorkenntnisse über die Arbeit im Museum oder in der Archäologie begonnen, doch über das Jahr hinweg konnte ich einiges an Erfahrung sammeln, neue und spannende Persönlichkeiten treffen und bei einer geowissenschaftlichen Untersuchung auf Sizilien assistieren. Ich habe gelernt, was „Grabung“ wirklich bedeutet und wie man dieses Wissen am besten vermittelt, oder dass Boden nicht gleich Boden ist und ein Stein nicht nur ein Stein. Was ich damit sagen möchte ist, ich bin dankbar für alles, was mir dieses Jahr gegeben hat, für jede Herausforderung, durch die ich aus meinem eigenen Schatten heraustreten konnte, denn nun kann ich wirklich sagen „Ich kam, sah und siegte“.
-Ich danke euch

von Lion Knirsch

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