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Museumsblog

Unser FSJler berichtet aus der Archäologie IV

06. September 2021 | Museumsblog | 0 Kommentare

Wie ich bereits in meinem vorherigen Blogbeitrag erwähnt habe, handelt es sich bei einer Grabung um eine durchaus komplexe und wortwörtlich „vielschichtige“ Angelegenheit. Aufgrund dieser Tatsache kann ich die Maßnahme leider nur relativ schnell abhandeln und nicht so ausführlich auf jede Einzelheit eingehen, wie ich es gerne würde, aber um es mit den Worten des ersten römischen Kaisers Augustus zu sagen: „sat celeriter fieri quidquid fiats satis bene (Was gut genug getan wurde, ist auch schnell genug getan)“.

Ich habe meinen letzten Beitrag mit den Worten beendet, dass es noch viel zu erfahren gebe. Daher möchte ich auch gleich mit dem Wesentlichen beginnen, den Befunden und Funden. Ob eine Münze oder ein römischer Schienenpanzer, Fundgegenstände üben auf mich und wahrscheinlich viele andere auch eine ganz besondere Faszination aus. Doch sind es die Befunde, die dem Vergangenen eine Stimme geben. Unter einem anthropogenen Befund versteht man grundsätzlich alle vom Menschen hervorgerufenen Veränderungen innerhalb des Bodens oder auch innerhalb von Gebäuden, wie zum Beispiel ein Grab oder Flugspuren im Feld. Daher möchte ich mit diesen auch beginnen.

Abb. 2: Drohnenfoto der Steinformation im Planum 1
Abb. 3: Die Strassenbaugrube im Profil

Während des Abtrags auf das erste Planum ließen sich im Ost Nord Ost (ONO) Profil des Schnittes viele erstaunlich regelmäßige und nahezu gleichgroße Quarzsteine ausfindig machen (Abb. 2). Und als selbst ein Knochenfragment aus der Wand ragte, wussten wir, dass es diesen Befund zu dokumentieren galt. Also haben wir Schaufel und Spaten in die Hand genommen, den Schnitt in diese Richtung erweitert und immer mehr dieser Steine freigelegt. Die Regelmäßigkeit sowie die nahezu rechteckige Ausrichtung von SSW nach NNO ließen eindeutig auf einen anthropogenen Einfluss schließen und sich die Steine somit als Befund anführen. Innerhalb sowie außerhalb des Befundes kamen vermehrt kleinere Knochenfragmente und Eisennägel zutage. Handelte es sich vielleicht um ein Grab, dessen Sargdeckel mit Steinen beschwert wurde, aus Angst vor Wiedergängern?

Diese Frage ließ sich zu jenem Zeitpunkt gar nicht so einfach beantworten, doch wie so häufig liegt die Antwort meist direkt vor den eigenen Augen. Denn als wir den Abtrag im restlichen Schnitt, abseits der Schnitterweiterung, fortgeführt haben, erstreckte sich über mehrere Meter ein Befundkomplex, welcher die Antwort liefern sollte. Denn gar nicht so tief unterhalb der Grasnarbe verborgen, konnten wir eine Grube samt einer zweifachen Schotterung dokumentieren, welche sich im Nachhinein als Straßenbaugrube samt Schotterung einer preußischen Straße interpretieren ließ (Abb. 3). Parallel zu dieser Straße führte ein Graben, welcher ebenfalls durch eine Schotterung an der Seite befestigt worden war und wohl als Straßengraben diente. Und hier lässt sich auch das Rätsel der ominösen Steinformation lösen, denn handelte es sich hierbei um kein Grab, sondern um einen etwas weniger spektakulären Wassergraben, in welchem womöglich tierische Überreste angeschwemmt worden waren, dies würde zumindest die Knochenfragmente erklären.

Abb. 4: Auswahl an Prospektionsfunden

Doch wie kommen solche Interpretationen zustande? In der Archäologie geht man wie auch im Labor nach bestimmten Kriterien vor, die die Befundbeschreibung und somit die darauffolgende Interpretation erleichtern. Hier kommt man, wenn es um die Beschreibung geht, vor allem um ein Werk nicht herum, das Buch „TABELLEN und TAFELN zur GRABUNGS-TECHNIK“ von Andreas Kinne , welches aufgrund seiner Informationsdichte zum Thema Grabung nicht umsonst von uns als „Bibel der Archäologie“ bezeichnet wird. Auf die Beschreibung, wie sie im „Kinne“ angegeben wird, im Detail einzugehen, wäre allerdings schon ein Blogbeitrag an sich. Allgemein gilt aber: „Beschrieben wird vom Gröbsten zum Feinsten“, also zum Beispiel von der Ausrichtung und Form eines Befundes bis hin zur Korngröße des Sediments und deren Verteilung. Die darauffolgende Interpretation ist also grundsätzlich ein Zusammenspiel aus Beschreibung, Wissen und Erfahrung und nicht häufig kann sich diese, wie es das Beispiel mit dem Wassergraben zeigt, im Laufe der Zeit auch noch ändern.

Doch wie genau konnten wir die Straße als preußisch einordnen? Um Schichten und Befunde zu datieren, können sich Archäolog:innen an verschiedensten Indizien bedienen. Eine der wichtigsten und wohl auch gängigsten Hinweise in Bezug auf das Alter sind die in der zu datierenden Schicht enthaltenen Funde und vor allem Münzen erweisen sich aufgrund des häufig angegebenen Prägedatums als äußerst nützlich. Dabei gilt: „Der jüngste Fund datiert die Schicht“. In den meisten Fällen, vor allem mit Hilfe von Münzen, bedient man sich beim Datieren an dem „terminus post quem“ , also dem Zeitpunkt nach dem der (Be-)Fund frühestens in den Boden gekommen sein kann . Und so sind wir auch beim zeitlichen Einordnen der Straße vorgegangen, denn innerhalb der einen losen Schotterung konnten wir eine 2 Centimes Kupfermünze bergen, welche zwischen 1808 und 1812 geprägt wurde, die genaue Jahreszahl ließ sich aufgrund des schlechten Zustandes der Münze nicht bestimmen. Und auch im Auffüllhorizont, also dem künstlichen Eschauftrag, welcher die Straße unter sich begraben hatte, konnten weitere Münzen geborgen werden, welche sich dem 19 Jh. zuordnen ließen. So unter anderem eine 4 Groschen Silbermünze von 1803, welche das Brustbild von König Friedrich Wilhelm III ziert , dem König von Preußen von 1797 bis 1840  sowie eine 4 Pfennig Billon Münze aus dem Jahr 1842 , bei welcher es sich um die jüngste von uns in dieser Schicht gefundenen Münzen handelt. Ein weiterer Aspekt, den wir in die Datierung der Straße mit einfließen lassen konnten, war eine preußische Landschaftsaufnahme von 1877 auf welcher die Straße noch verzeichnet war. Die Datierung ins 19. Jh. untermauert ebenfalls ein Findling, welchen wir im Süd Ost Bereich des Schnitts beim Abtrag auf das zweite Planum bergen konnten. Dieser ist nämlich auf eben dieser preußischen Landschaftsaufnahme, zusammen mit einem weiteren Findling, bereits als Wegmarker eingezeichnet worden.

Neben den eben schon hervorgehobenen Funden haben wir vor allem durch die parallel von mir und dem Prospektionstechniker durchgeführte Prospektionsmaßnahme einige interessante Objekte bergen können. Darunter eine große Anzahl neuzeitlicher Münzen, Knöpfe und Plomben, welche zumindest nach meinen bisherigen Erfahrungen mit der Metallsonde zu den am häufigsten gefunden Objekten gehören (Abb. 4). Aber auch viele rezente Kupferobjekte sowie ein kleiner Spielzeugpistolengriff aus Zink kamen knapp unterhalb der Grasnarbe zum Vorschein. Doch auch mit unseren neuzeitlichen Porzellan und Keramikfunden machen wir jeder Keramikmanufaktur Konkurrenz von den Eisenobjekten, wie Nägeln oder einer eventuellen preußischen Säbelspitze, ganz zu schweigen.

Abb. 5: Geoprofil der Geosondage mit den deutlich erkennbaren Horizonten

Allerdings gilt es in der Archäologie, abseits der (Be-)Funde, auch die grundsätzliche Bodenstruktur zu dokumentieren. Aus diesem Grund haben wir 3 sogenannte Geosondagen angelegt, also wenige Quadratmeter große Löcher, welche nicht nur zur Erfassung der Schichtabfolge, also der Abfolge von übereinander lagernden geologischen Schichten, genutzt werden konnten, sondern auch um zu belegen, dass wir den Schnitt nicht weiter flächig abtragen mussten, da sich unterhalb des derzeitigen Niveaus keine weiteren (Be-)Funde erwarten ließen. Die Bodenstruktur (Abb. 5) lässt sich dabei durch verschiedene Horizonten beschreiben:

A-Horizont:        Grasnarbe (mineralischer Oberbodenhorizont mit organischer Substanz angereichert)

M-Horizont:       Schwarzer Eschauftrag (Kolluvium, umgelagertes Bodenmaterial)

B-Horizont:         *fehlt* (mineralischer Unterbodenhorizont, geprägt durch Stoffverlagerung und Materialumwandlung)

C-Horizont:         Dynamische „Sandschicht“ (mineralischer Untergrund, unverwittertes Ausgangsgestein)

G-Horizont:         Lehmschicht (Mineralbodenhorizont mit Grundwassereinfluss)  

Anders als in meinen vorherigen Blockbeiträgen möchte ich diesen und somit die Grabung an sich nicht mit einer einfachen Aussage, sondern mit einem kleinen Rätsel enden lassen. Die Frage lautet: Bevor wir die Grabungsfläche wieder zuschütten, werfen wir immer eine im aktuellen Jahr geprägte Münze in den Schnitt, aus welchem Grund gehen wir so vor? Die Auflösung gibt es im nächsten Beitrag, in welchem ich auch auf die Nachbearbeitung der Maßnahme eingehen werde, denn die Grabung an sich ist nur der Oberboden, darunter verbirgt sich noch so viel mehr.

von Lion Knirsch

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