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Museumsblog

Unser FSJler berichtet aus der Archäologie II

05. März 2021 | Museumsblog | 0 Kommentare

Nachdem sich Lion, unser FSJler, bereits im September in seinem ersten Beitrag vorgestellt hat, berichtet er heute über sein Projekt, das er während seiner Zeit im Varusschlacht-Museum realisieren wird:

"Als FSJler steht man vor so einigen spannenden Herausforderungen, doch ein passendes Projekt für diese 12 Monate zu finden, war wohl durchaus eine der größeren. Denn im Rahmen eines Freiwilligen Jahres gilt es, parallel zur Tätigkeit in der Einsatzstelle, ein Projekt zu planen, zu organisieren sowie durchzuführen. Und dabei sind einem eigentlich alle Freiheiten gegeben, was die Auswahl nicht unmittelbar vereinfacht. 

Wie sollte ich also die Archäologie, die Pädagogik und die Vermittlung unter einen Hut bekommen und dabei noch angemessen dokumentieren? In Absprache mit dem Grabungsleiter und dem Geschäftsführer konnte ich allerdings schnell eine geeignete Antwort auf diese Frage finden.

In meinem Projekt werde ich mich mit der archäologischen Betreuung einer Grünfläche an der B218 in Venne, Gemeinde Ostercappeln, auseinandersetzen und die jeweiligen Schritte in den folgenden Blogbeiträgen dokumentieren. Dies beinhaltet einerseits die theoretischen Aspekte, so zum Beispiel die rechtlichen Grundlagen oder das Organisieren einer solchen Maßnahme, aber auch die praktische Arbeit. Etwa werde ich sowohl bei der Prospektion und Grabung, als auch bei der Aufnahme und Bearbeitung der Funde assistieren.

Um neben der Archäologie weitere Tätigkeitsfelder abzudecken, habe ich zudem die Möglichkeit, vereinzelte Objekte auf ihrem Weg von der Restaurierung bis in die Ausstellung zu begleiten. Das Ziel liegt also grundsätzlich in der Dokumentation des Fundes, ganz nach dem Motto: „Aus dem Block, in den Blog“.

Die Relevanz und somit die Notwendigkeit einer archäologischen Maßnahme ergibt sich daher, dass das von mir eben angesprochene Grundstück momentan als Grünland genutzt wird, allerdings zukünftig als allgemeines Wohn- bzw. Mischgebiet samt Straßenverkehrsfläche dienen und somit verbaut werden soll. Solch eine Maßnahme stellt eine gravierende Gefahr für Bodendenkmäler und Artefakte unterhalb der Fläche dar, welche dem Denkmalschutz unterliegen. Die große Problematik, mit welcher Archäolog:innen tagtäglich konfrontiert werden, ist nämlich die Tatsache, dass es sich bei Fundstücken um keine nachwachsende Ressource handelt. Denn ein vor 2000 Jahren verstorbener Römer wird erfahrungsgemäß kein zweites Mal „das Pilum abgeben“. Ebenso verliert eine Entdeckung ohne Kontext, sei es zum Beispiel die Schicht, aus welcher diese geborgen wurde, einen Großteil ihres wissenschaftlichen Wertes, dies geht sogar so weit, dass man von einem „stummen“ Fund spricht.

In Rückblick auf diese Gegebenheit gilt für jedwede Arbeiten mit Kulturdenkmalen das jeweils bundeslandspezifische Denkmalschutzgesetz nach dem Verursacherprinzip. So auch in diesem Fall, denn nach §6 [3] des niedersächsischen Denkmalschutzgesetzes werden die durch eine „fachgerechte[n] Untersuchung, Bergung und Dokumentation“  entstandenen Kosten nicht von der Archäologischen Denkmalpflege, sondern vom Vorhabenträger als Verursacher übernommen, welcher sich durch die Zerstörung des Kulturdenkmals „im Rahmen des Zumutbaren“  zu eben diesen Maßnahmen verpflichtet. 

Auch Archäolog:innen sind nur Menschen und daher leider nicht in der Lage mit bloßem Auge durch den Boden zu schauen. Weshalb können wir also davon ausgehen, dass sich Befunde und Funde unterhalb der Grasnarbe erwarten lassen?

In der Archäologie versucht man anhand von Indizien Rückschlüsse auf die Vergangenheit zu ziehen. Diese Praktik lässt sich auch bei meinem Projekt anwenden, denn die von mir zu betreuende Fläche liegt einerseits geografisch im Einzugsbereich des vermutlichen Schlachtfeldes um 9 n. Chr. andererseits ließen sich im Umfeld, durch zum Beispiel Prospektionsmaßnahmen, zahlreiche Einzelfunde aus vor- und frühgeschichtlichen Epochen lokalisieren. Dadurch lässt sich darauf schließen, dass auch auf jener Grünfläche Artefakte und Befunde dieser Ära zu erwarten sind.

Diesbezüglich sollte erwähnt werden, dass wir als Varusschlacht-Museum in diesem Fall im Auftrag der Stadt und Kreisarchäologie agieren und somit in der Bodendenkmalpflege tätig sind, deshalb sind für uns nicht nur „römische“ und „germanische“ (Be-)Funde der Eisenzeit um die Zeitenwende von Interesse, sondern jedwede Kulturdenkmäler.

Ebenso setzt sich die archäologische Forschung nicht, wie häufig angenommen, nur mit Artefakten und anthropogenen Bodenveränderungen auseinander, sondern auch mit Funden und Befunden geogenen und biogenen Ursprungs. 

Im Sinne einer möglichst genauen Erschließung der historischen Vorgänge reicht die Metalldetektor-Prospektion, als oberflächliche Maßnahme, allerdings nicht aus, denn aufgrund technischer Beschränkungen erfassen die Sonden im Durchschnitt nur eine Tiefe von circa 20cm bis 40cm, wobei die maximale Tiefe je nach Art des Fundes variiert. 

Diese Problematik ergänzend wurde auf vielen Äckern Nordwestdeutschlands sogenannte Plaggenwirtschaft betrieben, das bedeutet Gras-, Kraut- und Strauchsoden wurden anliegenden Flächen entnommen und in Viehställen ausgelegt, wo diese nun mit Kot vermengt, kompostiert und anschließend als Dung auf den anliegenden Feldern verteilt wurden, um deren Fruchtbarkeit zu steigern.  

Im Laufe der Zeit hat sich so auf Äckern rund um den Oberesch, wie verschiedenste Grabungen zeigen, eine mindestens 40cm mächtige humose Auftragsschicht gebildet, welche die ursprüngliche Oberfläche komplett bedeckt und somit den Zugang zu Artefakten in diesem Stratum ohne Ausgrabung unmöglich macht.  

Anfänglich sind wir davon ausgegangen, dass es sich bei der mir zugewiesenen Fläche um kein durch Plaggenauftrag verändertes Areal handelt. Im Laufe der Grabung hat sich allerdings herausgestellt, dass es auf dem Grünland sehr wohl einen Eschauftrag gab, welcher sich anhand der Funde innerhalb dieser Schicht, auf die erste Hälfte des 19 Jhr. datieren lässt. 

Dennoch ist auch ohne derartige anthropogene Bodenveränderungen eine vollständige Dokumentation nur mithilfe einer archäologisch geführten Grabung möglich, da wie bereits erläutert, der Kontext eines Fundes und die grundsätzliche Befundlage maßgeblich für sämtliche wissenschaftliche Publikationen sind. Zu diesem Zweck wird eine stratigraphische Sondage als Probeschnitt angelegt. Zu einer flächigen Grabung kommt es aufgrund des finanziellen und zeitlichen Aufwandes sowie der Zerstörung der (Be-)Funde nur dann, wenn eine Interpretation unter den bisherigen Umständen kaum bis gar nicht möglich ist und oder eine konkrete historische Relevanz besteht.  

Ich schaue mit viel Zuversicht auf die nun kommende Zeit und freue mich, diesen historisch und wissenschaftlich wertvollen und umfangreichen Prozess nicht nur passiv zu erleben, sondern die Möglichkeit zu haben, aktiv mitgestalten zu können, denn so klein der Schritt auch sein mag, hinterlassen wir alle unsere Spuren in der Geschichte und ich freue mich, euch auf meinen Weg mitnehmen zu können."

von Lion Knirsch

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