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Prospektion mit der Metallsonde

22. März 2021 | Museumsblog | 0 Kommentare

Eine Sisyphos-Aufgabe?

Die Prospektion mit der Metallsonde im Mutungsgebiet der Varusschlacht im Raum Kalkriese – Eine Sisyphos-Aufgabe?

Stephan Zeisler ist Prospektionstechniker im Varusschlacht-Museum und meistens draußen unterwegs. Was er dort genau macht, erläutert er in seinem Beitrag:

"Zugegeben: die ca. 55 km² des Mutungsgebietes der Varusschlacht komplett Zentimeter für Zentimeter mit der Metallsonde zu begehen wäre eine Lebensaufgabe! Jedoch muss man berücksichtigen, dass dieses Gebiet mitten im Lebensraum der heutigen Bewohner des Landstrichs liegt, inklusive sämtlicher Infrastrukturen. Zieht man überbaute Flächen, Privat- und Firmengrundstücke, Verkehrswege, Flüsse, Bäche und Gräben sowie weitere nicht begehbare Flächen ab, wird die Aufgabe schon machbarer, da hierdurch der Raum für die Begehung mit der Metallsonde erheblich reduziert wird. Es ist nicht mein Bestreben und auch nicht unbedingt notwendig, dass ich persönlich alle Flächen in diesem Terrain mit dem Metalldetektor erfasse. Unterstützt werde ich bei dieser Aufgabe von geschulten SondengängerInnen, die diese Aufgabe ehrenamtlich mit übernehmen. Somit schaffen wir gemeinsam durch eine nach und nach flächendeckende Oberflächenprospektion eine Grundlage, um ein möglichst genaues Bild der Ereignisse vor 2000 Jahren zu ergründen.

Dieses Bild wurde aber durch den Faktor Mensch bereits erheblich verfremdet. Seit der Varusschlacht sind viele Jahre vergangen, die Menschen haben in diesem Gebiet weiterhin gelebt und es „bearbeitet“:
- Hütten und Häuser wurden gebaut und wieder abgerissen
- Wege angelegt und wieder verworfen
- Bäume wurden gepflanzt und wieder gefällt, die Stubben gerodet
- Felder und Fluren entstanden, wurden durch Gräben geteilt und durch Auffüllen wieder zusammengeführt
- mitten durch die Hauptkampfzone wurde der Mittellandkanal gebaut und damit Unmengen an Abraum verbracht
- die Alliierten bombardierten durch Notabwürfe den Kalkrieser Berg

Alle diese Faktoren haben die Fundstreuung beeinträchtigt und verfälscht.

Es gibt jedoch zwei weitere Eingriffe des Menschen, die sehr viel mehr zur Störung des Fundbildes beisteuerten und heute noch beisteuern:
Das Erste ist die Eschwirtschaft, eine Bodenbearbeitungsform der Landwirtschaft, die im Mittelalter aufkam. Im Wald oder der Heide wurden sog. „Plaggen“ (humoser Boden, der durch die Wurzeln der anstehenden Pflanzendecke zusammengehalten wurde) gestochen, die dann als Einstreu über den Winter in den Stall kam. Zusammen mit dem Viehdung gingen diese im Frühjahr auf den Misthaufen, der im Herbst dann als Dünger auf die Felder verteilt wurde. Funde, die auf und unter den Feldern lagen, wurden so über die Jahre immer besser geschützt und überdeckt (Eschaufträge im Raum Kalkriese sind bis zu 1 m mächtig), zum anderen fand durch das Abstechen der Plaggen eine Fundverschleppung statt. Somit kann man auf Eschflächen nicht sagen, ob der Fund ursprünglich von der Fläche stammt und nach oben gepflügt wurde, oder mit den Plaggen auf die Fundstelle verfrachtet wurde. Die abgeplaggten Flächen daher überwiegend fundleer, da die Schicht mit römischen Funden mit den Plaggen verbracht wurde.
Das Zweite sind die ungebetenen „illegalen“ Sondengänger, die seit der Entdeckung des Schlachtfeldes bei Kalkriese als „Glücksritter“ auf der Suche nach römischem Fundgut sind.
Undokumentiert entnommene Funde sind für die weitere Erforschung des Gebiets verloren und diese Flächen scheinen bei der Begehung von offizieller Seite her fundleer.

Das Team der ehrenamtlichen SondengängerInnen

Fundleere Stelle heißt also nicht unbedingt, dass hier keine Kampfhandlungen mit Verlust stattfanden. Man kann anhand der Hauptfundstellen, durch Grabung oder Feststellen der Auftragsstärke des Bodens, eine sehr gute Eingrenzung des Hauptkampfgebiets vornehmen. Diese und die insgesamte Menge der Fundstücke lässt zumindest erahnen, welche Truppenstärke an Legionären während der Varusschlacht vor Ort in Kamphandlungen verwickelt waren.

Da die Felder, Wiesen und Wälder seit 30 Jahren in vielen Teilen schon mit Detektoren begangen worden sind, haben wir bereits eine ungefähre Vorstellung, an welchen Stellen Kampfhandlungen stattfanden, die mit Verlust von Ausrüstung und Habe der römischen Invasoren einhergingen.
Anhand dieser Fundverteilung wurde eine ungefähre Marschroute der Varuslegionen erstellt.

Die bisherigen Ergebnisse erleichtern im Groben die weitere Planung von zukünftigen Prospektionen. Jedoch implizieren sie auch Erwartungen und verfälschen Resultate, weil nur dort viele Funde zu Tage kommen wo auch häufig gesucht wird. Durch regelmäßige Prospektionsgänge werden immer wieder neue aussagekräftige und einzigartige Fundensembles und Funde gemacht, wie 2017 der Hortfund von 220 Denaren, 2 Asses und einem Aureus oder einem goldenen Ring mit türkiser Gemme im Jahr 2020. Jedes Jahr werden zwei bis drei neue Fundstreuungen entdeckt, die durch Einzelfunde zwischen den Streuungen untermauert werden.

Auch die Nachuntersuchung von bereits bekannten Fundstreuungen bringt meistens Funderfolg, da die Felder seit der letztmaligen Begehung mehrmals gepflügt wurden und dadurch neues Fundmaterial in den Ortungsbereich der Metallsonde befördert wurde.

Hauptanteil der römischen Funde bei der Prospektion sind Münzen, wobei sich Silber- und Kupfermünzen in der Menge ungefähr die Waage halten. Während sich die Silbermünzen überwiegend sehr gut erhalten haben, sind die Münzen aus Kupferlegierung meist bis zur Unkenntlichkeit korrodiert und abgerollt.
Weitere Fundstücke lassen sich den römischen Legionären zuordnen. Bei diesen Gegenständen handelt es sich meistens um Kleinteile oder Bruchstücke der Bewaffnung, der Rüstung/Bekleidung, der persönlichen Habe (Schmuck, Alltagsgegenstände) sowie des Transportwesens (Wagen oder Zugtiergeschirr) die aus Buntmetall (Kupferlegierungen, Silber oder Blei) bestehen.

Auf das Prospektieren von Eisen auf landwirtschaftlich genutzten Flächen wird überwiegend verzichtet, da über die Zeiten Unmengen an Eisenobjekten hierher gelangt sind. Der Zeit-Nutzen-Faktor ist in dem Fall ausschlaggebend. Zudem sind antike Eisenobjekte in unserem Raum soweit durchkorrodiert, dass viele voreingestellte Programme der Metalldetektoren diese gar nicht mehr orten.

Das Ziel der Prospektionen in den nächsten Jahren wird für mich sein:
- Begehung angrenzender Flächen der bereits prospektierten Flächen, um einzelne Fundstreuungen auszuweiten und zu ergänzen
- Eine Verbindung zwischen den Fundstellen zu finden
- Die Waldflächen sinnvoll flächendeckend zu prospektieren

Also werde ich weiter den römischen Artefakten hinterhersuchen. Jedes noch so kleine Fundstück
römischer Providenz ist ein weiteres Puzzleteil, das uns hilft, den Varuslegionen weiter auf der Spur zu bleiben.
Es bleibt spannend!"

von Stephan Zeisler

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