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Museumsblog

Ein Blick hinter die Kulissen - Ausstellungsaufbau

15. Mai 2020 | Museumsblog | 0 Kommentare

Restauratorin Christiane Matz gibt Einblicke in den Leihverkehr

"Das Aufgabenfeld eines Restaurators ist sehr vielfältig und abwechslungsreich. Ein Bereich, der mir sehr gut gefällt und Freude bereitet, ist der Leihverkehr.

Betrachtet man die ganze Angelegenheit aus konservatorischer Sicht, dürfte das nicht so sein. Denn Leihverkehr bedeutet, dass Objekte auf Reisen gehen. Und jede Bewegung stellt eine potentielle Gefahr für sie dar. Sie werden aus den Vitrinen oder dem Magazin geholt, verpackt, transportiert, ausgepackt, ausgestellt, wieder eingepackt, transportiert und wieder ausgepackt. Die Objekte können einen Klimaschock bekommen, durch Erschütterungen beim Transport zerbrechen oder schlimmstenfalls beim Handling beschädigt werden. Manches erkennt man sofort, andere Veränderungen treten erst nach einem gewissen Zeitraum auf. Es gibt Ausstellungstücke, die weniger empfindlich sind, und solche, die man aufgrund ihres Zustandes gar nicht ausleiht.

Die Anzahl der Sonderausstellungen ist nicht gering. So meldete der Deutsche Museumsbund für 2017 8.765 Sonderausstellungen. Viele Museen bieten in Ergänzung zu ihren Dauerausstellungen auch immer mehr Sonderausstellungen an. So zeigen wir seit 2009 (Errichtung des neuen Besucherzentrums mit Sonderausstellungsfläche) pro Jahr eine Sonderausstellung. Und seit 2013 touren wir mit der von uns konzipierten Wanderausstellung BODENSCHÄTZE durch Deutschland. 

Meistens sind immer unwiederbringliche Originale unterwegs. Entweder plant man als Haus eine Sonderausstellung und fragt Leihgaben bei anderen Häusern an oder man wird selber angefragt, ob man für diese oder jene Sonderausstellung dieses oder jenes Objekt verleihen möchte. In den jeweiligen Häusern wird dann gecheckt, ob das fragliche Objekt für den fraglichen Zeitraum zur Verfügung steht, nicht anderweitig verliehen ist oder für wissenschaftliche Untersuchungen zur Verfügung stehen muss. Im besten Falle werden dann Restaurator*innen zu Rate gezogen, ob sich die Leihgabe in einem Zustand befindet, der einen Transport erlaubt.

Kommt es zu einer Übereinkunft, wird ein Leihvertrag angefertigt. Dieser beinhaltet z. B. die Dauer der Leihe, die Versicherungssumme der Objekte und die Klimabedingungen. So dürfen Papiere nur mit sehr wenig Beleuchtung ausgestellt werden und Eisenobjekte benötigen eine sehr geringe Luftfeuchtigkeit. Der Leihgeber bestimmt die Konditionen und der Leihnehmer muss dafür Sorge tragen, dass diese erfüllt werden. Es ist schon bei der Planung einer Sonderausstellung sehr wichtig, dass man nicht ein Objekt aus Organik (Holz, Leder, Papier etc.), dass eine höhere Luftfeuchtigkeit braucht, mit einem Objekt aus Eisen in ein und dieselbe Vitrine packt. Hier kommen dann die Restaurator*innen ins Spiel, die sich um das Wohlergehen der Leihgaben kümmern. Sie kontrollieren die Vorgaben und schauen, dass alle das Klima bekommen, das sie brauchen. Es gibt Hilfsmittel wie Silicagel mit denen man die Luftfeuchtigkeit in jeder einzelnen Vitrine genau den Bedürfnissen der Objekte anpassen kann. Sie achten darauf, dass nur schadstofffreie Materialien beim Vitrinenbau verwendet werden, denn ausgasende Stoffe können chemische Verbindungen mit den Ausstellungsstücken eingehen und diese schädigen.

Geben wir eine Leihgabe außer Haus, fertigen wir ein Übergabeprotokoll an. Darin sind die Ansprechpartner vermerkt, die Daten und der Name der Sonderausstellung, das Objekt, das Material, die Klimabedingungen, die Transportbedingungen und wie das Objekt verpackt ist. Aber das wichtigste ist die Zustandsbeschreibung. Weist das Objekt schon irgendwelche Risse und vorhandene Bruchstellen auf? Ist aktive Korrosion zu erkennen? Gibt es Fehlstellen? Es wird von allen Seiten in seinem jetzigen Zustand fotografiert und die Fotos werden dem Übergabeprotokoll hinzugefügt. 

Dann werden die Objekte so verpackt, als müsste man rohe Eier den Mount Everest herunterrollen lassen, und schickt sie auf Reisen. Es besteht die Möglichkeit den Transport als Kurier zu begleiten. Entweder direkt auf dem LKW, oder man reist separat hinterher und übernimmt die Transportkiste am Ausstellungsort. Dort wird dann mit den zuständigen Restaurator*innen ausgepackt und mit dem Übergabeprotokoll verglichen. Am einfachsten ist es natürlich, wenn man vermerken kann, dass es am Objekt keine Veränderungen gibt. Beide Restauratoren zeichnen gegen, und beim Abbau der Ausstellung, vor dem Rücktransport, wird ebenfalls der Zustand des Objektes begutachtet. Wenn das Objekt ohne Schaden wieder zu Hause angekommen ist, ist die Erleichterung groß.

Begleitet man als Restaurator*in eine Sonderausstellung im eigenen Haus, ist der Arbeitsaufwand ungleich größer. Wie oben schon beschrieben, trägt man Sorge, dass es allen Objekten gut geht. Bei unserer ersten großen Sonderausstellung Konflikt betrugt die Anzahl der Leihnahmen an die tausend Stück. An manchen Tagen und bei großen Fundkomplexen hat man an die zweihundert bis dreihundert Unterschriften auf Übergabeprotokollen zu leisten. (So stellt man sich Autogrammstunden vor.) Man betreut und begleitet die Kuriere, nimmt Transporte an, organisiert die Transportkisten, auch die ausgepackten, die beim Abbau wieder an Ort und Stelle sein müssen. Beschafft Verpackungsmaterial und Werkzeug. Klimatisiert die Vitrinen.

Und tauscht Klatsch und Tratsch und Neuigkeiten aus. Der Kreis der Restaurator*innen für Archäologisches Kulturgut ist nicht sehr groß, und viele kennen sich untereinander. Neben Tagungen ist der Auf- und Abbau von Sonderausstellungen eine willkommene Gelegenheit, die über ganz Deutschland verteilten Kollegen*innen mal wieder zu sehen.

Und wie schon ein weiser Mann sagte: „Nach der Sonderausstellung ist vor der Sonderausstellung“."

von Christiane Matz

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