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Der "Block-Blog" - Teil 2: Archäologische Spurensuche

14. November 2020 | Museumsblog | 0 Kommentare

Abb. 1: Transport der Blockbergung in die Werkstatt.

Die große Blockbergung kam nach dem Röntgen-CT in die Restaurierungswerkstatt. Dies stellte sich als schwierig heraus, denn der Block – mit Maßen von 125x100x65 cm – war eigentlich zu groß und schwer zu transportieren. Doch auch hierfür wurde eine Lösung gefunden: Der Block wurde mit einem Teleskopstapler durch ein großes Fenster transportiert und der Raum dahinter vorrübergehend zur einer Restaurierungswerkstatt umfunktioniert (Abb. 1).

Hier fand dann die eigentliche „Ausgrabung“ der Blockbergung statt, die ich als Restauratorin übernehmen durfte. Die Bearbeitung des Blocks ist dabei im Grunde eine „Ausgrabung im Kleinen“. Die Blockbergung wird Schicht für Schicht ausgegraben, wobei die einzelnen Zwischenzustände regelmäßig dokumentiert werden. Im Vergleich zur Ausgrabung im Freien kann man an der Blockbergung in der Werkstatt natürlich viel genauer dokumentieren, man kann bei Bedarf fragile Objekte sofort konservatorisch behandeln und bei den filigranen, teils sehr kleinteilig zerbrochenen Fragmenten des Schienenpanzers gewährleisten, dass keine Fragmente verloren gehen. 

Sobald der Werkstattraum eingerichtet war, ging es los: Die oberen Bretter wurden abgeschraubt und die Holzkiste geöffnet. Darunter befand sich zunächst eine dünne Schicht Füllsand, die es zu entfernt galt. Darunter kam dann die eigentliche Erde der Blockbergung zum Vorschein (Abb. 2 + 3). 

Die Blockbergung war nach der Entnahme aus dem Grabungsschnitt einmal umgedreht worden (siehe Teil 1), daher befindet sich nun, beim Ausgraben in der Werkstatt, die unterste Schicht zuoberst. In diesem oberen Teil der Blockbergung befand sich daher zunächst noch nicht viel Fundmaterial, nur einige verstreute Scherben germanischer Keramik, die in Kalkriese in den unteren Fundschichten häufig vorkommen.

Erst im Planum 3 zeigten sich die ersten Teile eines römischen Eisenobjekts und einige Schritte weiter, im Planum 5.1 war dieses Objekt schließlich ganz zu sehen. Es handelt sich um die Halsgeige, die bereits auf dem CT zu erkennen war (Abb. 4). Im Block liegt die Stange mit den Handfesseln; der zugehörige Halsring der Eisenfessel war dagegen bereits auf der Grabung in Form von mehreren Fragmenten entnommen worden.

Abb. 2: Öffnen des Blocks.
Abb. 3: Das erste Planum.
Abb. 4: Planum 5.1 mit vollständig sichtbarer Halsgeige & Detailfoto Halsgeige.
 

Es ist natürlich auffällig, dass die Halsgeige und der Schienenpanzer in direkter Nähe zueinander gefunden wurden. War hier vielleicht ein Legionär, der Schienenpanzer trug, gefesselt? Darüber kann man bisher nur spekulieren, weil keine Knochen im Schienenpanzer und in der Halsgeige gefunden wurden. Generell sind auf dem Kalkrieser Oberesch die Erhaltungsbedingungen für Knochen nicht besonders gut und es könnte sein, dass im Schienenpanzer ein Körper steckte, der aber vollständig vergangen ist. Um das genauer zu untersuchen wurden in der ganzen Blockbergung immer wieder Bodenproben genommen, die später auf Phosphat untersucht werden sollen, um zu untersuchen ob die Eisenobjekte zusammen mit einem Körper in den Boden gelangten.

Einige Schritte weiter, in Planum 7 kamen dann die ersten eisernen Platten des Schienenpanzers zutage. Auf der einen Seite befinden sich senkrecht stehende Bauchplatten der linken Panzerseite, die ziehharmonika-artig ineinandergeschoben sind. Daneben liegen waagerecht mehrere große Platten, nämlich die große Brustplatte mit Kragenplatte und zwei Platten aus dem Schulterbereich. 

Abb. 5: Foto Planum 9 mit Zuordnung der Platten nach Plattentyp. Illustration: Roland Warzecha.

Die Position dieser Platten und Fragmente wurde vor dessen Entnahme jeweils genau dokumentiert. In den folgenden Plana 8 bis 11 kamen dann immer mehr Panzerplatten zum Vorschein. Besonders interessant ist zum Beispiel das Planum 9, auf dem besonders viele der Platten aus dem oberen Teil der Rüstung (Brust- Rücken- und Schulterbereich) zu sehen sind (Abb. 5). Die Panzerplatten selbst sind sehr stark korrodiert. Zudem sind sie oftmals enorm fragmentiert; einige Platten sind in bis zu 28 Fragmente zerbrochen! Durch die lange Bodenlagerung sind einige Platten auch verbogen. Dennoch war bei den meisten Platten zumindest die Grundform ersichtlich und unter Zuhilfenahme des CTs konnte recht früh schon festgestellt werden, um welche Plattentypen es sich handelt und von welcher Stelle des Panzers diese kommen.

Beim Ausgraben wurde größtenteils mit kleinen Werkzeugen gearbeitet, z.B. mit Kelle und Spachtel. Manchmal wurden auch Teile mit dem Pinsel freigelegt, wenn diese besonders empfindlich waren, wie zum Beispiel die Bronzeapplikationen, die sich an den Panzerplatten befinden. Unter den Bronzeteilen sind zum Beispiel Panzerscharniere, -riemenscharniere und Schnallen, die die einzelnen Platten der Rüstung zusammenhielten. Außerdem sind die Kanten der Panzerplatten häufig mit einer Bronzebördelung versehen, also ein dünnes Bronzeblech, das um die Kanten der Eisenplatten gebogen wurde, um den Träger und dessen Kleidung vor den scharfen Kanten der Panzerplatten zu schützen – antiker Tragekomfort sozusagen. Gleichzeitig hatte die Bronzebördelung sicher auch eine Zierfunktion (Abb. 6).

Abb. 6: Kragenplatte mit Bronzescharnier links und Bronzebördelung am oberen Rand.

An einigen Stellen befanden sich mineralisierte Lederreste. Normalerweise ist Organik an archäologischen Funden selten erhalten. Besonders im sandigen Boden des Kalkrieser Oberesch sind die Bedingungen für Organikerhaltung eher schlecht. Allerdings gibt es Ausnahmen: Wenn die organischen Reste in direktem Kontakt mit Metall stehen – zum Beispiel mit Eisen – können sich während der Bodenlagerung Eisenkorrosionsprodukte in die Organik einlagern und auf diese Weise die Form und Struktur der Organik abbilden. Das Prinzip ist ähnlich wie bei der Bildung von Fossilien, allerdings läuft die Mineralisierung durch Korrosion deutlich schneller ab. Solche mineralisierten Lederreste befinden sich auch an den Panzerplatten an vielen Stellen, so sind z.B. oftmals Lederreste an den vielen Nieten und Ziernieten zu sehen. An manchen Stellen kann man sogar eine Reihung von Bronzenieten und Lederresten beobachten – dies sind die Überreste der Riemen, die im Inneren der Rüstung befestigt waren und die einzelnen Platten zusammenhielten! (Abb. 7 + 8) Solche Details fielen oftmals schon bei der Ausgrabung auf. Empfindliche, brüchige Stellen wurden noch im Block durch Auftrag von etwas Acrylharz gesichert. 

Abb. 7: Mineralisiertes Leder, quadratischer Abdruck um einen Niet auf der Innenseite einer Platte.
Abb. 8: Innenseiten der Bauchspangen in Planum 11 mit einer Reihe aus Bronzenieten mit umliegenden Lederresten.

Die Ausgrabung der Panzerplatten wurde natürlich ständig dokumentiert. Dies ist wichtig, um das Objekt später in den Kontext der Grabung zu setzen und zu verstehen. Außerdem sollte genau festgehalten werden, wie die Lage der einzelnen Panzerplatten zueinander war, wodurch später vielleicht Rückschlüsse darauf möglich sind, wie und in welchem Zustand die Rüstung in den Boden gelangte. Andererseits dient die Dokumentation auch praktischen Zwecken: Aufgrund der schieren Anzahl von Platten und Fragmenten muss für die Zuordnung der Fragmente klar festgehalten werden, von welcher Position diese kommen. Aus diesen Gründen und auch aufgrund der Einzigartigkeit dieses außergewöhnlichen Fundes wurden besonders hohe Maßstäbe an die Dokumentation bei der Ausgrabung der Blockbergung gestellt. Dazu aber ein andermal mehr – im nächsten Teil des Block-Blogs!

von Rebekka Kuiter

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