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Berufsfeld Archäologie

20. Mai 2020 | Museumsblog | 0 Kommentare

Wie wird man ArchäologIn?

Grabung im Museum und Park Kalkriese, 2018

Wie wird man eigentlich Archäologe, welche verschiedenen Fachrichtungen gibt es und wie sieht der Alltag eines Archäologen aus? All das beschreibt Michael Drechsler, Gästeführer in Museum und Park Kalkriese und selbst Archäologe, in seinem heutigen Blogbeitrag:

„Ich bin Archäologe.“

Wenn ich diese Antwort auf die entsprechende Frage beim Zahnarzt oder Friseur sage, dann kann ich ziemlich sicher mit einer bestimmten Reaktion rechnen: Die meisten Leute sind erfreut und erstaunt. Sie sagen dann Sätze wie „Das ist bestimmt sehr spannend“ oder „Dafür habe ich mich auch mal interessiert“. Fast immer folgen sofort Kommentare wie „Ich habe mich dann aber für was Richtiges entschieden“ oder „Und was macht man dann damit?“

Tja, was macht man damit… Für die meisten Leute ist Archäologie etwas nicht Alltägliches sondern etwas Besonderes. Gleichzeitig fällt es schwer sich vorzustellen, wie man davon leben kann. Wer bezahlt einen Archäologen überhaupt für seine Forschungen? Im Grundsatz sind diese Dinge zwar einfach zu benennen – in der Praxis verbirgt sich der Teufel allerdings im Detail.

Disziplinen in der Archäologie (eigener Entwurf)

Was tun Archäologen?

Sie erforschen die menschliche Vergangenheit. Dafür benutzen sie die materiellen Hinterlassenschaften der Menschheit. Darunter versteht man alles, was sich im Boden befindet und nicht natürlichen Ursprungs ist: Zum einen Veränderungen der natürlichen Schichten des Bodens wie die Reste von Gebäuden, Gräbern oder Müllgruben („Befunde“. Zum anderen sind das alle menschengemachten Objekte die sich im Boden befinden („Funde“) – oder anders ausgedrückt: Der Müll unserer Vorfahren.

Um die größtmögliche Erkenntnis aus diesen Dingen ziehen zu können, müssen Archäologen bei einer Grabung sehr sorgfältig jede einzelne Bodenschicht abgraben, die Objekte darin bergen und alle Informationen und Arbeitsschritte genau notieren („Dokumentieren“). Archäologen arbeiten also ganz ähnlich wie die Polizei, wenn sie Spuren an einem Tatort sichert. Weil diese Arbeit meistens draußen stattfindet nennt man das „Feldarbeit“.  Wie viel man ausgräbt hängt davon ab, für welche berufliche Richtung innerhalb der Archäologie man sich nach dem Studium entscheidet.

An die Ausgrabung schließt sich die „Büroarbeit“ an, bei der die Dinge die man gefunden hat enträtselt werden müssen: War diese schwarze Schicht einmal eine Feuerstelle und das runde tiefe Loch der Holzbalken eines Hauses? War das verrostete Ding ein Nagel oder ein Messer? In welcher Zeit wurden Gefäße mit genau auf solche Art gekrümmten Rand verwendet? Oft verbraucht diese Arbeit mehr Zeit als die Ausgrabung selbst.

Archäologen forschen aber nicht nur für sich selbst. Sie sind auch zur Verbreitung ihrer Ergebnisse verpflichtet. Dazu schreiben sie wissenschaftliche Artikel (nicht nur für andere Archäologen, das darf jeder lesen) oder allgemeine Bücher. Sie machen Führungen, betreuen Museen und halten Vorträge vor Publikum, im Radio oder im Fernsehen. Diese Vermittlung des Wissens ist enorm wichtig, weil uns die Vergangenheit wichtige Beispiele für schwierige Probleme der Gegenwart und der Zukunft liefert. Archäologie besitzt also einen Wert für unsere heutige Kultur. Darüber hinaus werden auch gar nicht so selten materiell wertvolle Funde wie Goldmünzen gemacht. Weil man nach so langer Zeit keine einzelnen Erben mehr bestimmen kann, gehören Archäologische Funde heute allen Menschen. Darum ist Archäologie eine staatliche Aufgabe.

Wie wird man Archäologe?

Um Archäologe zu werden muss man das die Schule mit dem Abitur abschließen und sich dann für ein Studium an einer Universität entscheiden – und ab da wird’s schwierig.

Von den über 100 Universitäten in Deutschland bietet nur etwa ein Drittel archäologische Studiengänge an. Dafür kann man aus knapp fünfzig verschiedenen Studiengängen wählen. Jeder Studiengang behandelt einen bestimmten zeitlichen, räumlichen oder thematischen Aspekt der Archäologie. Die am häufigsten angebotenen Studiengänge sind:

- Archäologie (Einführung in alle archäologischen Fächer)

- Prähistorische (auch: Vor- und Frühgeschichtliche) Archäologie (Steinzeit)

- Klassische Archäologie oder Provinzialrömische Archäologie (griechische und römische Zeit)

- Vorderasiatischen Archäologie (beschäftigt sich mit der Zeit von den ersten Städten um 10.000

   v. Chr. bis zum Islam 700 n. Chr. im Gebiet Syrien/Irak und den Nachbarländern)

- Christliche und Byzantinische Archäologie (von 1 bis 1453 n. Chr. im östlichen Mittelmeer)

Seltener sind diese Studiengänge:

- Mittelalterarchäologie

- Archäologie Nordostafrikas

- Archäologie von Münze, Geld und Wirtschaft

- Islamische Archäologie

- Naturwissenschaftliche Archäologie

Wer wählen möchte, muss sich also erst einmal klar werden: Was interessiert mich am meisten? Welche meiner Interessen finde ich in welchem Studiengang am besten wieder? Trotz ähnlicher oder sogar gleicher Namensgebung können sich die Studiengänge inhaltlich deutlich unterscheiden. Daher lohnt sich auf jeden Fall ein genauer Vergleich, etwa über die Seite Studieren.de und Beschreibungen auf den Seiten der jeweiligen Universitäten. Generell empfiehlt sich ein Studienort mit vielen archäologischen Fächern, denn in einem archäologischen Studium kommt es darauf an, möglichst viel Kennenzulernen und selbst die eigenen Interessen zu entwickeln. Dabei kommt man nach ein oder zwei Semestern nicht selten zu dem Schluß, den Studiengang lieber nochmal zu wechseln.

Ausbildung in der Archäologie (eigener Entwurf)

Das erste Studium dauert mindestens drei Jahre und führt zum Bachelor (B. A.). In dieser Zeit bekommt man die meiste Zeit in Lehrveranstaltungen das archäologische Grundwissen vermittelt: Was wissen wir bisher über die Vergangenheit? Wie wurden diese Erkenntnisse gewonnen? Wie bestimmte ich Dinge? Wie schreibe ich einen Artikel? Daneben arbeitet man viel in Bibliotheken, um viele Fundplätze und Vergleiche kennenzulernen. Für Abwechselung sorgen die Semesterferien, in denen man für mehrere Wochen bei einer Ausgrabung mitmacht oder auf Exkursionen Fundplätze direkt kennenlernt.

Üblich ist danach die Spezialisierung auf einen bestimmten archäologischen Bereich durch einen Masterstudiengang (M. A.), die mindestens zwei Jahre dauert. Gegenüber dem B. A. kann man nun damit beginnen die eigenen Forschungsinteressen stärker herauszubilden. Der Master wird mit einer schriftlichen Abschlussarbeit abgeschlossen, deren Thema das eigene Interesse wiederspiegeln sollte. Viele Archäologen verlassen mit diesem Abschluss die Universität.

Weil die Archäologie ein sehr komplexes wissenschaftliches Feld ist, entschließt sich etwa jeder dritte Masterabsolventen zu einer weiteren Spezialisierung in Form einer Doktorarbeit (Dissertation). Dafür sitzt man mindestens drei Jahre, nicht selten auch erheblich länger an einem bestimmten Thema. Eine Doktorarbeit soll grundsätzlich neue, bisher unbekannte Forschungserkenntnisse liefern. Man betritt hier also echtes Neuland!

Archäologen reisen übrigens eher selten in einen Dschungel, um in versteckten Tempelruinen goldene Götzenfiguren zu klauen und anschließend vor riesigen rollenden Steinen davon zu rennen. Diese von Hollywood weit verbreitete Vorstellung ist sicher der Hauptgrund für die eingangs erwähnten Reaktionen.

Auch wenn viele Archäologen tatsächlich über Indiana Jones das erste Mal mit Archäologie in Berührung gekommen sein mögen, so erlangt man spätestens im ersten Semester die Erkenntnis: Dr. Jones handelt nicht wie ein Archäologe, sondern nur wie der schnellste (und vielleicht auch coolste) Grabräuber der Welt.

Wer übrigens am liebsten den ganzen Tag mit Graben zubringt, der sollte Grabungstechniker werden. Sie leiten Grabungen vor Ort und unterstützen den leitenden Wissenschaftler. Dieser Beruf ist sowohl Ausbildungsberuf als auch Studiengang, kann aber auch mit einem Abschluss (B. A. oder M. A.) in Archäologie ergriffen werden.

Wie sieht der berufliche Alltag eines Archäologen aus?

Das hängt davon ab, wo genau man eine Arbeitsstelle findet. Einen guten Einblick in den Beruf findet sich zum Beispiel auf Arbeitsagentur.de. Typisch sind nach dem Master oder der Promotion zunächst mehrere verschiedene Anstellungen an wechselnden Orten, die jeweils zwischen ein und drei Jahren andauern (in der Summe also fünf bis zehn solcher „Wanderjahre“). 

- Nur wenige Archäologen bleiben an einer Universität und arbeiten als Hochschullehrer oder als Angestellte eines solchen.

- Begehrt sind Stellen im öffentlichen Dienst, etwa in der Bodendenkmalpflege. Dabei betreut man zum Beispiel ein bestimmtes Gebiet, in dem man Ausgrabungen kontrolliert und manchmal auch leitet und anschließend die wissenschaftliche Auswertung durchführt. Man kann aber auch für andere Tätigkeiten wie die Bearbeitung bestimmter Funde oder die Verwaltung des archäologischen Archivs angestellt werden.

- Ähnlich ist es mit Stellen an einem Museum. Hier dreht sich allerdings alles um die Verwaltung und Pflege archäologischer Sammlungen und die Umsetzung neuer Ausstellungen für die Besucher.

- Viele Archäologen arbeiten zeitweise oder dauerhaft in Grabungsfirmen, die sie oft selbst gründen. Mit wenigen festangestellten und vielen studentischen Mitarbeitern führen sie Ausgrabungen durch, bevor dort etwas gebaut wird. Sie arbeiten eng mit dem Bodendenkmal-Amt zusammen das die Grabungsfirmen beaufsichtigt.

- Daneben gibt es noch mehr oder weniger mit der Archäologie verbundene Berufe wie Wissenschaftsjournalist oder Veranstalter für Bildungsreisen. In jedem Beruf kann man die Kerntugenden eines Archäologen gebrauchen: Team- und Organisationsfähigkeit und komplexes kritisches Denken.

Um ein guter Archäologe oder eine gute Archäologin zu werden muss man vor allem anderen teamfähig sein und komplexe Zusammenhänge geistig erfassen können. Selbstdisziplin und Neugierde sind wichtige Eigenschaften. Auch eine gute körperliche Belastungsfähigkeit ist hilfreich.

Wie in jedem Beruf gibt es aber auch ein paar schwierige Seiten, die hier nicht verschwiegen werden sollen: Die Arbeit kann frustrierend sein, weil man nicht für alles eine Lösung finden kann (dafür sind die archäologischen Quellen zu sehr vom Zufall anhängig). Als Archäologe hat man oft einen unsicheren und eher geringen Verdienst und muss öfters den Wohnort wechseln. Außerdem werden die meisten Menschen, denen man begegnet nicht verstehen was man genau tut.

Wer mit diesen Bedingungen leben kann, der findet in der Archäologie einen äußerst abwechslungsreichen und erfüllenden Beruf."

von Michael Drechsler

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