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Museumsblog

Mein Praktikum in der Restaurierung

07. September 2020 | Museumsblog | 0 comments

Hallo, ich heiße Jule und studiere derzeit im fünften Semester im Studiengang Konservierung und Restaurierung von Archäologisch-Historischem Kulturgut an der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin, auch gerne einfach abgekürzt KRG/AHK. Im Rahmen des Studiums befinde ich mich derzeit im Praxissemester, wodurch ich die Chance habe drei Monate (hoffentlich sogar länger) an der Seite des Museumsteams in der Restaurierungsabteilung zu arbeiten.

Das Praxissemester ist ein sehr wichtiger Bestandteil meines Studiums, welches sich besonders durch den hohen Praxisanteil auszeichnet. Zur Vorbereitung auf das Studium ist ein 12-monatiges Vorpraktikum in einer Restaurierungseinrichtung Pflicht, das grundlegende Kenntnisse und handwerkliche Techniken vermittelt, die im Studium erforderlich sind. Diese Praxiserfahrungen werden während des Studiums natürlich ausgebaut und erweitert, vor allem aber durch theoretisches Wissen zur Beschaffenheit des Materials, Behandlungsmethoden sowie Verfallsmechanismen ergänzt.
Mein Weg zum Praktikum hier in der Restaurierungsabteilung des Museums und Parks Kalkriese hat somit bereits vor dem Studium begonnen.

Mit Abschluss des Abiturs war ich überzeugt, meine Leidenschaft für Geschichte auch in beruflicher Hinsicht einzubringen, vorzugsweise im archäologischen Bereich. Also bewarb ich mich bei einer privaten Firma, die sich auf archäologische Ausgrabungen und Prospektionen spezialisiert hatte. Als Grabungshelferin durfte ich über sechs Monate viele verschiedene Bereiche, wie die Begehung, Vermessung, Profilanlage und erste Fundbearbeitung kennenlernen. Ich merkte jedoch schnell, dass mich die Bearbeitung der Funde stärker interessierte als das tatsächliche „Finden“.

Den Beruf des Restaurators, der in diesem Bereich tätig ist, kannte ich bereits in Grundzügen aus meinem Schülerpraktikum. Nach einer Recherche und folgendem Mailaustausch mit der Schwerpunktleiterin des Studiengang Restaurierung an der HTW-Berlin, Frau Professor Dr. phil. Alexandra Jeberien, erfuhr ich genaueres über den Studiengang und das vorher zu absolvierende 12-monatige Vorpraktikum, sowie einer mir im selben Zuge empfohlenen Restaurierungsinstitution. Meine Grabungsarbeit konnte mir als Praxisanteil angerechnet werden, wodurch sich meine Praktikumszeit auf neun Monate verkürzte, so dass ich pünktlich zum Semesterstart im Oktober an der HTW anfangen konnte. Nach meiner erfolgreichen Bewerbung wurde ich in der Restaurierungsabteilung des Niedersächsischen Landesamtes für Denkmalpflege (NLD) in Hannover als Praktikantin aufgenommen. Dort lernte ich viel über die grundlegenden Fundbehandlungsverfahren vor Ort, insbesondere in ihre verschiedenen Materialarten gegliedert (Metalle, Leder, Stoffe, Holz). Während dieser Zeit entwickelten sich meine handwerklichen aber besonders feinmotorischen Fähigkeiten verstärkt, dass für mich viele Techniken im Umgang mit Kulturgut in verinnerlichte Handgriffe übergingen.

Im Oktober 2018 zog ich schließlich nach Berlin und trat mein Studium mit hohen Erwartungen an. Während der vergangenen vier Semester wurde meinen Mitstudierenden und mir viel abverlangt, aber auch viel geboten. Theoretische Seminare und Vorlesungen werden von praktischen Übungen begleitet. So lernt man beispielsweise vormittags in einem theoretischen Teil viel über die Klebetechniken und verschiedene angewandte Klebstoffe sowie ihre jeweiligen Eigenschaften. Am Nachmittag sitzt man dann in der Werkstatt und nutzt dieses Wissen um unter Anleitung einen kaputten Blumentopf oder ein Glas zu Fügen und zu Kleben. Was mich jedoch besonders interessiert, ist die Arbeit mit den echten archäologischen und historischen Objekten. Diese Art des Arbeitens erlernen wir durch die Bearbeitung eines jeweiligen Semesterobjektes beziehungsweise Projektes. Verschiedene Analysemethoden und detaillierte Dokumentationen sind dabei unsere ständigen Begleiter und unterstützen uns darin das Objekt als Einzelstück vollkommen zu verstehen sowie es darauf abgestimmt zu bearbeiten. In den ersten vier Semestern erfolgt dies materialspezifisch geordnet: 1. Semester Keramikurnen im Block geborgen; 2. Semester Eisenobjekte; 3. Semester Buntmetall/ kupferlegierte Objekte und 4. Semester archäologische Gläser. Die Dokumentationen zum Objekt umschließen neben den durchgeführten Arbeiten, in Form eines Konzeptes, auch Recherchen zum Werkstoff, historischen Herstellungstechniken, materialbedingten Abbauprozessen und die sich daraus ergebenden Zustandsbilder, sowie Materialanalysen (Röntgenbilder, Röntgenfluoreszenzanalyse RFA …) und erste typologische Einordnungen. Um das erlernte Wissen anwenden zu können, also nach dem Abschluss in der Lage zu sein, frei und selbstständig restauratorisch tätig zu werden, stellt das 5. Halbjahr das sogenannte Praxissemester dar. In diesem verteilen sich die Studenten, nach erfolgreicher Bewerbung, auf Werkstätten ihrer persönlichen Wahl. Landesdenkmalämter, Museen aber auch private Restaurierungsfirmen bieten uns Studenten die Möglichkeit in einem dreimonatigen Praktikum das Erlernte anzuwenden und unsere technischen Fähigkeiten zu verbessern, immer begleitet von erfahrenen RestauratorInnen die uns wiederum viel aus ihren persönlichen Erfahrungen und ihrem Wissensschatz vermitteln.

Da ich während meines Vorpraktikums in einem Landesdenkmalamt arbeiten durfte, wollte ich diese zweite Gelegenheit nutzen, um die Arbeit eines Restaurators im Kontext eines musealen Betriebes kennenzulernen. Ich kann nicht behaupten, dass ich mich auf die Praktikumsstelle, hier in der Restaurierungsabteilung des Museums Kalkriese, sofort oder zuallererst beworben hätte. Dies lag allerdings mehr daran, dass ich um die Fähigkeiten der hier beschäftigen Restauratorin Christiane Matz wusste und glaubte die Anforderungen nicht erfüllen zu können. Allein das Wissen um die anspruchsvollen und großartigen Artefakte ließ mich lange zögern. Meine zahlreichen Bewerbungen wurden schließlich, besonders durch die Covid-19-Pandemie bedingt, fast vollständig negativ beantwortet. Schließlich habe ich dann doch den Mut gefunden und Frau Matz kontaktiert, um mich nach einer freien Stelle zu erkundigen. Was sollte schon passieren? Eine Absage wäre schließlich auch nicht das Ende der Welt. Als ich schließlich von Frau Matz erfuhr, dass es theoretisch möglich wäre eine Praktikantin einzustellen, bin ich im wahrsten Sinne des Wortes lachend im Kreis gesprungen. Nach meinem Bewerbungsgespräch per Telefon stand es dann auch schon fest. Ich gehe nach Kalkriese!

Jetzt bin ich hier und kann das tun was ich liebe. Dass mir trotz der ungewissen und schwierigen Situation die Chance gegeben wurde hier meine Praktikum zu absolvieren finde ich großartig und ich möchte mich hier auch noch einmal herzlich bei denen bedanken, die es mir ermöglicht haben.
Ich bin jetzt seit bald 6 Wochen hier, doch ich genieße noch immer jede Minute. Es wird mir hier so viel geboten, gleichzeitig kann ich aber auch immer um Hilfe bitten. Ich habe natürlich immer noch die Sorge, den Erwartungen nicht gerecht zu werden, aber sie wird durch die Hilfe der KollegInnen jeden Tag geringer. Vielen Dank dafür und ich freue mich sehr auch noch die nächsten Monate hier arbeiten zu dürfen.

von Jule Materlik

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