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Eine Jahresbilanz – mit und trotz Corona

23. December 2020 | Museumsblog | 0 comments

Eine Jahresbilanz – mit und trotz Corona

Das Jahr 2020 wird in Erinnerung bleiben. Es ist das Corona-Jahr, das uns mit vielen Einschnitten in unserem privaten und beruflichen Leben konfrontiert hat. Wenige Tage vor Weihnachten verzeichnen wir über 26.000 Menschen, die in diesem Jahr bislang an und mit Corona gestorben sind. Eine Zahl, die deutlich über den Verlusten liegt, die die Römer vor über 2000 Jahren in der Varusschlacht erlitten. Der römische Feldherr scheiterte an den widerständigen Germanen, am deutschen Wald, dem schlechten norddeutschen Wetter, letztlich aber auch an seiner Ignoranz, die ihm drohende Gefahr zu erkennen. Sein Gegner war sichtbar, unser heute nicht – doch tauschen wollen wir mit dem römischen Feldherrn natürlich nicht, denn verglichen mit ihm, geht es uns noch vergleichsweise gut.

Für Museum und Park Kalkriese war dieses Jahr allerdings definitiv ein Tiefschlag. Mit Beginn unserer Hauptsaison im März mussten wir erstmals schließen. Die Ausstellung »2 Millionen Jahre Migration« konnte nur virtuell eröffnet werden. Und nach siebenwöchiger Schließung kamen die Besucherinnen und Besucher nur zögerlich; zu keinem Zeitpunkt in diesem Jahr erreichten wir nur annähernd die Zahlen der Vorjahre. Statt der sonst 75–80.000 BesucherInnen hätten wir uns dieses Jahr gefreut, wenn wenigstens 30.000 gekommen wären – doch auch das Ziel haben wir durch die erneute Schließung nun knapp verpasst. Besonders spürbar war das Reiseverbot für Schulklassen. Normalerweise kommen jährlich rund 2.000 Schulklassen nach Kalkriese – SchülerInnen machen rund 40 % unserer jährlichen Besucher aus. Das zeigt eindrücklich, dass Museen, vor allem aber auch unseres, fester Bestandteil der schulischen Bildung sind. Insgesamt haben wir damit in 2020 rund 60 % unserer sonstigen BesucherInnen verloren. Das ist sehr bitter: zum einen, weil wir natürlich unser Haus und unsere Arbeit, das Thema Varusschlacht einem großen Publikum zeigen wollen, zum anderen, weil mit den ausbleibenden BesucherInnen, das ist leicht auszurechnen, auch die Einnahmen ausbleiben. Auch hier kurz zur Erinnerung: Das Kalkrieser Museum ist kein Museum in öffentlicher Hand. Zwar erhalten wir öffentliche Zuschüsse durch den Landkreis und die Stiftung der Sparkassen im Landkreis Osnabrück sowie für die archäologischen Grabungen durch das Land Niedersachsen, dennoch sind wir eine privatwirtschaftliche Gesellschaft, die sich in erheblichem Maße auch selbst finanzieren muss. Wir sind also auf die Einnahmen existenziell angewiesen. 2020 ist also ein Jahr, dass wir definitiv nicht vergessen werden. Und für 2021 können wir nur hoffen, dass es absehbar besser wird.


Museumsschließung und reduzierte Besuchszahlen sind kein Anlass für weniger Arbeit – das Gegenteil ist der Fall. Gerade während der Schließung haben wir unser Online-Angebot stark ausgebaut, um wenigstens auf virtueller Basis mit den BesucherInnen in Kontakt zu bleiben und ein „museales“ Angebot aufrechtzuhalten. Das wurde in der Tat auch sehr gut angenommen, doch es kann das reale Museum nicht ersetzen. Digitale Medien unterstützen und stärken unser Angebot; ersetzen können und sollen sie es nicht. Museen leben von der Auseinandersetzung und Konfrontation mit dem authentischen Fund; Ausstellungen, die nicht im unmittelbaren Kontakt mit den BesucherInnen stehen, bieten allenfalls Placebos an, die schnell ihre Wirkungslosigkeit offenbaren. Doch auch im Analogen haben wir unser Angebot erheblich ausgebaut: Mit neuen Führungsformaten und -angeboten konnten wir vor allem in den Sommer- und Herbstferien viele BesucherInnen zu uns holen – hier zahlte sich die in Zeiten von Corona verbreitete Zurückhaltung, in die ausländische Ferne zu reisen, für uns aus. Und für die Schulen haben wir ein Outreach-Programm entwickelt – kommen sie nicht zu uns, kommen wir zu ihnen. Das war dieses Jahr alles weder business as usual noch routinierte Praxis. Wir haben aus der Not eine Tugend gemacht und viele neue Formate und Programme entwickelt.


Doch auch das gehört zum Corona-Jahr dazu: Selbst wenn die Pandemie viele Schatten geworfen hat – und noch wirft –, haben wir in diesem Jahr auch viele Lichtblicke und Glanzpunkte erlebt. Das absolute Highlight ist natürlich unser Sensationsfund eines nahezu vollständig erhaltenen römischen Schienenpanzers. Diese aus mehreren Metallplatten zusammengesetzte Rüstung schützte über Jahrhunderte die Oberkörper der römischen Legionäre. Obwohl er zur Standardausstattung der römischen Armee gehörte und in römischer Zeit vielfach abgebildet wurde, gibt es kaum Funde, die uns über das reale Erscheinungsbild und die technischen Details dieser Schutzrüstung in Kenntnis setzen. Bislang musste man immer ins englische Corbridge schauen, wo sechs halbe Schienenpanzer – die jedoch nicht zusammengehörten – in einer Truhe zu Tage kamen. Diese stammen jedoch aus dem 2. Jahrhundert n. Chr. und sind damit über 100 Jahre jünger als der neue Fund aus Kalkriese. Mit dem Neufund aus Kalkriese haben wir nun ein Exemplar vorliegen, das den Beginn dieser Art der Rüstung markiert. In seiner unerwartet guten Erhaltung gibt er neue Einblicke in die römische Militärtechnik und ist als ältester Fund seiner Art einzigartig.

Unsere Restauratorin Rebekka Kuiter ist seit Anfang des Jahres dabei, den Fund freizulegen und die Einzelteile zu restaurieren. Sie hat bereits hier im Museumsblog über ihre Arbeit berichtet. Es ist faszinierend zu sehen, wie sie aus den Rostklumpen die antike Rüstung wieder herausarbeitet. Der Vorher-Nachher-Effekt ist überwältigend, da man so viel Phantasie gar nicht aufbringen kann, in dem Rost die prächtige Rüstung mit ihren Schnallen und den verzinnten und versilberten Applikationen zu erahnen; z. T. haben sich sogar noch die Lederriemen erhalten, mit denen die einzelnen Platten verbunden waren. Wir dürfen gespannt sein, wenn der ganze Schienenpanzer im nächsten Jahr restauriert sein wird – dann wollen wir ihn auch im Museum in Kalkriese zeigen. Diese wichtigen Arbeiten werden dankenswerter Weise von der Stiftung Niedersachsen gefördert.


Unsere Forschungsgrabung in diesem Sommer zielte darauf, die Fundsituation des Schienenpanzers weiter zu untersuchen und Antworten auf die Frage zu erhalten, wieso sich die Rüstung auf dem Schlachtfeld erhalten hatte und nicht den Plünderungen der germanischen Sieger zum Opfer fiel. Noch können wir hierzu nichts Näheres sagen und müssen auf die weitere Auswertung warten.
Bereits im Frühjahr haben wir ein neues Forschungsprojekt gestartet; hierbei geht es um die römischen Münzen. Die Münzfunde aus Kalkriese stellen das bedeutendste Münzensemble für die Römerzeit in Niedersachsen und sind in ihrem historischen und kulturhistorischen Wert von europäischer Bedeutung. Es ist ihr numismatisches Alleinstellungsmerkmal, dass sie aufgrund der besonderen Verlustumstände und der großen Objektzahl einen punktuellen Einblick in den Münzumlauf zu einem sehr konkreten Zeitpunkt erlauben. Weder gibt es hier eine ältere, kontaminierende Münzdecke noch einen nachfolgenden römischen Münzhorizont. Die hier gefundenen Münzen geben so einen unmittelbaren Einblick in den Geldumlauf einer römischen Legion und lassen auf die Geldversorgung im Norden des Römischen Reiches zurückschließen. Das innovative Potential des Projekts liegt in der dichten Aufnahme der Fundmünzen, die einerseits Standards für andere Plätze entwickelt, andererseits vielfältige Aufschlüsse zu Münzversorgung, Münzumlauf, Umgang mit Münzen, Besoldungsverhältnisse etc. erlaubt und das Potenzial des Platzes als wichtigster Referenzpunkt für Münzfundkomplexe der frühen Kaiserzeit optimal erschließt. Das Projekt führt der Wiener Student Max Resch im Rahmen seiner numismatischen Doktorarbeit durch, betreut wird er von Prof. Reinhard Wolters, Universität Wien. Die bisherigen Münzfundvorlagen aus Kalkriese sind inzwischen unvollständig und entsprechen nicht mehr den aktuellen Fragestellungen und gegenwärtigen wissenschaftlichen Standards. Auch hier dürfen wir auf die Ergebnisse gespannt sein.

So schlecht war das Jahr 2020 dann doch wieder nicht – bzw. wir haben viel Gutes draus gemacht. Doch 2021 sollte definitiv besser werden.

von Stefan Burmeister

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