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Museumsblog

Berufsfeld Restaurierung

22. May 2020 | Museumsblog | 0 comments

Christiane Matz, Restauratorin Museum und Park Kalkriese

Vielen fällt die Berufswahl nach dem Schulabschluss nicht einfach. So auch unserer Restauratorin Christiane Matz. Wie dann doch noch alles gut wurde, berichtet sie in ihrem Beitrag:

"Da stand sie, die Frage, schwarz auf weiß. „Warum wollen Sie Restauratorin / Restaurator werden?“

Ich saß im Aufnahmetest für das Studium und hatte mich bereits durch viele Fragen zu den Themenbereichen Archäologie, Technikgeschichte, Kunstgeschichte und Naturwissenschaften gearbeitet. Gezeichnet, aus Papier ein Tier gebaut und einen Tennisball bruchsicher verpackt. Jetzt bloß keine lapidare Antwort abgeben, dachte ich mir.

Warum sucht man sich einen bestimmten Beruf aus? Warum wollte ich Restauratorin werden? Die Schulzeit ging zu Ende, und lange schon trieb mich die Frage um, wie es weitergehen sollte. Eines wusste ich mit Gewissheit, was ich nicht werden wollte: Bankkauffrau. Ich wollte mit meinen Händen arbeiten. Aber nach Ferienjobs im Metallbau und in einer Möbelfabrik wusste ich auch, dass mir das alleine nicht reicht. Mir fehlte es an Begeisterung für das, was man dort tut. Wenn man einen Beruf ergreift, verbringt man eine sehr große Zeit seines Lebens mit dieser Tätigkeit, da sollte er mir schon Freude machen. 

Wie so oft im Leben fällt einem die Antwort einfach vor die Füße. Für mich kam die Lösung in Form eines Berufsberaters in die Schule. Jener Berufsberater hatte kurz vor dem Termin in unserer Schule eine Bekannte von ihm an ihrem Arbeitsplatz besucht. Diese Bekannte war Textilrestauratorin. Der Besuch hatte ihn so fasziniert, dass er den ganzen Vortrag über immer wieder darauf zurück kam. Und ich hörte zum ersten Mal davon, dass es den Beruf der Restauratorin / des Restaurators gab. Jetzt wusste ich, was ich werden wollte!

In den letzten Sommerferien vor dem Abi machte ich ein vierwöchiges Praktikum in einer Restaurierungswerkstatt. Ich hatte die Wahl zwischen den Fachbereichen Gemälde und Archäologie. Sie fiel auf Archäologie. Das Thema hatte mich schon in meiner Kindheit fasziniert, die ich hüpfend und kletternd auf unterschiedlichen Großsteingräbern verbrachte. In den vier Wochen des Praktikums wurde mir ein umfangreicher Einblick in das Berufsbild vermittelt. Ich spürte die Begeisterung, mit der die Restauratorinnen und Restauratoren ihre Arbeit verrichteten, und ich war beeindruckt von ihrem breitgefächerten Wissen, das sie an mich weitergaben. Als die Zeit um war, war mir klar, ich wollte Restauratorin für Archäologisches Kulturgut werden!

Um ein Studium beginnen zu können, musste ich ein mehrjähriges Praktikum in einer Restaurierungswerkstatt absolvieren. Ohne sich sicher zu sein, dass man den Studienplatz später auch bekommt. Für die Bewerbung muss eine Mappe eingereicht werden, und aufgrund dieser Mappe wird man zu einem Eignungstest eingeladen.

Alles lief gut. Ich bekam einen Praktikumsplatz für zwei Jahre in einem Museum, ich reichte meine Mappe ein und wurde zur Aufnahmeprüfung eingeladen. Auch die Frage, warum ich diesen Beruf ergreifen will, werde ich zufriedenstellend beantwortet haben, denn ich wurde zum Studium zugelassen. 

Nach fast dreißig Jahren im Berufsleben kann ich rückblickend immer noch sagen: Ich habe damals die richtige Wahl getroffen. Auch nach all dieser Zeit möchte ich keinen anderen Beruf ausüben. Als einmal ein befristeter Vertrag auslief und ich mir ernsthaft Gedanken darüber machte, welche Alternative es noch geben könnte, fiel mir trotz größter Anstrengungen und Überlegungen nichts ein. Gott sei Dank konnte ich diese in die Leere führenden Gedanken einstellen, da ich die Anstellung in Kalkriese bekam. 

Seit 16 Jahren arbeite ich nun im Museum und beschäftige mich mit den Überresten einer Schlacht. Den Objekten, die liegengeblieben sind und die der Boden nach über 2000 Jahren wieder freigibt. Nicht immer sind es die großen Schätze, sondern meistens die kleinen Dinge des täglichen Gebrauchs. Es sind die einfachen Gegenstände, die mich bei meiner Arbeit immer wieder berühren. Der Fingerabdruck auf einer Keramikscherbe, dort hinterlassen von einem Menschen der vor 5000 Jahren lebte. Die gelochte Münze, die vielleicht als Talisman getragen wurde. Die Kette aus Glasperlen, die vielleicht den Hals eines jungen Mädchens schmückte. Hinter jedem Objekt stehen Menschen, die aus unterschiedlichsten Materialien die schönsten Dinge gefertigt haben. Ohne Maschinen und Strom, einfach nur mit ihren Händen. Da ist sie wieder, die Arbeit mit den Händen, die für mich bei meiner Berufswahl so wichtig war. Und heute lege ich mit meinen Händen Schicht für Schicht Gegenstände frei, die vor hunderten oder tausenden Jahren von anderen Händen geschaffen wurden. Sie zeugen von großer Kunstfertigkeit, handwerklichem Geschick und Wissen. Als Restaurator*in ist man diesen Dingen auf der Spur. Dabei helfen uns naturwissenschaftliche und physikalische Untersuchungsmethoden manche Geheimnisse zu lüften, bis das nächste Objekt uns vor neue Fragen stellt. Kein Ding gleicht dem anderen und die Korrosionsprozesse im Boden tun ihr Übriges dazu. Das Schöne an meinem Beruf ist, dass man mit jedem Tag an Erfahrung dazugewinnt, aber trotzdem immer wieder überrascht werden kann.

Ich freue mich jeden Morgen auf meine Arbeit und bin gespannt was als Nächstes auf meinem Arbeitstisch landen wird."

von Christiane Matz

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