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Museumsblog

Aus dem Alltag einer Gästeführerin Teil 5

28. April 2020 | Museumsblog | 0 comments

Viele Menschen haben einen Lieblingsplatz. Sei es das Café um die Ecke, die bestimmte Bank am Wanderweg oder gleich eine ganze Stadt: unsere Gästeführerin Bianka Grauert hat sich Gedanken über ihren ganz persönlichen Lieblingsplatz gemacht:

"Vor ein paar Tagen wurde im Regionalfernsehen ein Beitrag über Lieblingsplätze gesendet. Verschiedene Personen stellten in einem kleinen Video im Laufe einer Woche ihren Lieblingsplatz vor. Da war zum Beispiel der Holzschnittkünstler zu sehen, der einen Blick auf seinen Balkon gewährte, auf dem er gerne mit einem Glas Wein und einem Pfeifchen entspannt und dabei auf einen Fluss hinunter blickt. 

Dieser Beitrag führte dazu, dass ich darüber nachdachte, welches mein Lieblingsplatz sei.

Und das Ergebnis dieser Überlegung war ganz einfach und klar für mich: Mein Lieblingsplatz ist das Museum in Kalkriese!

Zu erst möchte ich mich einmal kurz vorstellen: mein Name ist Bianka Grauert, und ich bin Gästeführerin im Museum. Natürlich, werden Sie sich jetzt vielleicht sagen, ist ja klar dass die Frau dann das Museum als Lieblingsplatz vorstellt, schließlich arbeitet sie ja dort. Ich kann Ihnen aber versichern, dies ist nicht der alleinige Grund dafür.

Das Museum ist ein Ort, an dem Geschichte lebendig wird, ein Ort an dem man eine Ahnung bekommt,  wie es vor 2000 Jahren gewesen sein könnte, als Varus und Arminius aufeinander trafen.

Wenn man aus dem Besucherzentrum heraus kommt und sich auf den Weg Richtung Dauerausstellung begibt, fällt einem als erstes der markante Turm ins Auge. Der Turm selber ist für viele gewöhnungsbedürftig, so wie er da im Gelände aufträgt, 40 Meter hoch und rostig mit 162 Stufen die zur Aussichtsplattform führen, wie schon zahlreiche Schulklassen zu ihrem Leidwesen getestet haben. 

Das Innere des Turmes mit der Dauerausstellung ist nüchtern und sachlich, nicht unbedingt ein Ort, der sofort zum Wohlfühlen einlädt. Viel Metall, an den Wänden, auf dem Boden alles recht kühl und nüchtern gestaltet. 

Die Vitrinen aus Glas, die Objekte darin restauriert aber eben alt.

Und doch ist es faszinierend, wenn man vor der großen Vitrine mit der Lagerszene steht und sich vorstellt, dass vor 2000 Jahren ein römischer Legionär den Schienenpanzer am Körper getragen hat. 

Das Staunen der Schüler, wenn sie feststellen dass alle Dinge in den Vitrinen echt sind, und nur die Knochengrube und der Marcus Caelius Grabstein Repliken sind, ist immer wieder etwas Besonderes. Wenn man mit Schülern oder auch erwachsenen Gästen vor der Maske steht und eine wilde Diskussion darüber entbrennt, zu welchem Zweck man die Maske wohl getragen und wie der Mann hinter der Maske wohl ausgesehen hat. Das leicht gruselige Gefühl, dass sich anschleicht, wirft man einen Blick auf die Knochengrube und erkennt den Schädel mit dem fehlenden Unterkiefer und der abgetrennten Kalotte.Das Erstaunen, dass die acht Goldmünzen hervorrufen, fast immer mit Spekulationen über den derzeitigen Wert der Münzen verbunden, all das ist wunderbar und macht die Dauerausstellung einzigartig. 

Beim Gang durch den Park kann man sich das Gelände von vor 2000 Jahren noch besser vor Augen führen, wenn vorher ein Blick auf das Kugelmodell geworfen wurde.

Es macht Spaß und ist spannend, die Archäologen bei der Arbeit zu beobachten, wenn im Sommer die Grabungssaison startet. Man ist hautnah dabei, und vielleicht hat man Glück und kann dabei zusehen, wie etwas geborgen wird, dass die letzten 2000 Jahre oder länger im Boden verbracht hat.

Die „Germanenpfade" im Wald sind zu jeder Jahreszeit ein Erlebnis. Jetzt im Frühjahr ist gut zu beobachten wie die Natur erwacht, und im Herbst wurde schon manche Schülerführung kurz unterbrochen um zu sehen, wo das Eichhörnchen so eilig hin flitzt oder um seinen waghalsigen Sprung von Ast zu Ast zu beobachten. 

Ich erinnere mich noch gut an einen Besuch im Museum, als unsere Kinder noch jünger waren. Nicht die ausgestellten Objekte waren das Highlight, sondern die kleine Maus, die im Wald über den Weg huschte und die dicke, eklige grüne Spinne, die auf Mamas Schulter hockte.

Aber nicht diese Dinge machen das Museum zu meinem Lieblingsplatz,  sondern Sie, die Gäste, die sich auf den Weg machen um zu erkunden,  was das Museum zu bieten hat. 

Nach einer anstrengenden Saison freut man sich auf den Winter, wenn es etwas ruhiger wird und nicht mehr so voller Trubel ist. Es kehrt Ruhe im Museum ein, und man hat auch mal die Ausstellung mit seiner Gruppe für sich allein. Spätestens im März ändert sich das wieder und an manchen Tagen ertappt man sich mit einem Lächeln im Gesicht, wenn man den Shop betritt und ein Haufen Schüler und Gruppen anderer Gäste mit ihrem Gewusel „Leben in die Bude" bringen.

Darum ist das Museum mein Lieblingsplatz, weil es mit Leben gefüllt und lebendig ist, ein Ort zum anfassen, Fragen stellen, toben und Spaß haben. 

Ich freue mich auf die Zeit, wenn die derzeitige Situation sich entspannt und wir im Museum wieder viele neugierige und nette Gäste begrüßen dürfen. Bis bald!"

von Bianka Grauert

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