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Die Varusschlacht

9 n. Chr. ereignete sich in Germanien eine militärische Tragödie. Drei römische Legionen, angeführt von Publius Quintilius Varus, gerieten  in einen Hinterhalt. Die Schlacht dauerte, den antiken Überlieferungen zufolge, einige Tage und erstreckte sich über mehrere Orte. Viele Legionäre fielen, einige wurden gefangen genommen,  wenige entkamen. Publius Quintilius Varus nahm sich das Leben.

Die genauen Hintergründe dieses Ereignisses sind auch heute noch umstritten. Die historischen Quellen liefern detailreiche, allerdings recht widersprüchliche Angaben, doch zusammen mit den wachsenden archäologischen Erkenntnissen, ist es heute möglich, ein überraschend genaues Bild der römischen Machtpolitik in Germanien, der Region zwischen Rhein, Main und Donau, zu zeichnen:  Ab 12 v. Chr. waren die Römer in Germanien präsent und entlang der Lippe entstanden im Laufe der Jahre große und repräsentative Stützpunkte. Im hessischen Waldgirmes wurde ab 3 v. Chr. der Bau einer römischen Stadt in Angriff genommen.

Um 7 n. Chr. betrachtete man die Eroberung Germaniens als beendet und setzte, wie in jeder römischen Provinz üblich,  einen Statthalter ein: Publius Quintilius Varus. Der 54-jährige Varus war ein enger Vertrauter des Kaisers und hatte als Statthalter der Provinz Africa,  später Syriens bewiesen, dass er nicht nur ein versierter Diplomat und Stratege war, sondern auch hart durchgreifen konnte.

In Germanien traf Varus wahrscheinlich auf den Cherusker Arminius. Zu diesem ist nur wenig bekannt. Wohl um 19 v. Chr. als Sohn des Cheruskerfürsten Segimer geboren, deutet manches daraufhin, dass er seine Jugend in Rom verlebte, dort eine militärische Ausbildung erhielt und an den Feldzügen in Pannonien teilnahm  - sicher ist das alles nicht. Fakt ist allerdings, dass Arminius 4 n. Chr. römisches Bürgerrecht und die Ritterwürde erhielt, eine cheruskische Hilfstruppe anführte und an einem römischen Feldzug teilnahm.  Wann er nach Germanien zurück kehrte ist unbekannt. Doch dort gelang es ihm rasch, Varus‘ Vertrauen zu gewinnen, um ihn in einen Hinterhalt zu locken.

»Als aber Quintilius Varus den Oberbefehl über Germanien übernahm und sie zu rasch umformen wollte, indem er ihre Verhältnisse kraft seiner Amtsgewalt regelte, ihnen auch sonst wie Unterworfenen Vorschriften machte und von ihnen wie von Untertanen Tribut eintrieb, da hatte ihre Geduld ein Ende« (Dio 56, 18, 1).
Die verlässlichste Beschreibung zur Varusschlacht verfasste der griechische Autor Cassius Dio. Demnach befand sich Varus im Herbst 9 n. Chr. mit seinen Truppen wohl auf dem Weg ins Winterquartier. Der Cherusker Segestes, ein treuer Verbündeter der Römer und Arminius’ Schwiegervater, hatte Varus vor einer Verschwörung gewarnt.  Dennoch schöpfte dieser keinen Verdacht als ihn die Nachricht eines Aufstandes ereilte und Arminius sich verabschiedete, um Unterstützung zu holen. Arminius kannte Stärken und Schwächen der römischen Armee. So vermied er eine offene Feldschlacht und lockte die 17., 18. und 19. Legion in einen Hinterhalt. Laut Cassius Dio zog sich die Schlacht über mehrere Tage und Orte hin und die drei Legionen wurden nahezu vollständig aufgerieben. Ihre Legionsnummern wurden nie wieder vergeben.

»Quintilius Varus, gib mir meine Legionen wieder!« (Sueton 23, 2) soll Augustus gerufen haben, als ihn die Schreckensnachricht erreichte. Zwar war dies nach zwei Jahrzehnten militärischer Präsenz in Germanien ein unerwarteter Rückschlag, aber natürlich kein Untergang. Rom war geschlagen, doch längst nicht besiegt und schon im nächsten Jahr waren die Römer militärisch wieder vor Ort.

14 n. Chr. erhielt Germanicus, der Adoptivsohn von Kaiser Tiberius, den Auftrag die Niederlage zu rächen und Germanien doch noch zu erobern. Doch zwei Jahre später zog  Tiberius den Schlussstrich. »Es sei schon genug der Erfolge, genug auch der Rückschläge…Man könne die Cherusker und die übrigen aufrührerischen Stämme, da man ja der Rache Roms genug getan, ihrer inneren Zwietracht überlassen« (Tacitus Ann. II, 26, 2) – schrieb er und beorderte Germanicus zurück nach Rom und die Truppen an den Rhein. Seine Entscheidung war umstritten. In der Sache sollte Tiberius allerdings Recht behalten. Nach innergermanischen Rivalitäten wurde Arminius 21 n. Chr. von Verwandten ermordet.