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Museumsblog

Gefahr auf See - Piraten in der Antike

21. April 2016 | Museumsblog | 0 Kommentare

In wenigen Tagen eröffnet in Kalkriese die neue Sonderausstellung
Ein Bericht von den letzten Metern auf der Zielgeraden

Noch zwei Tage bis zur Eröffnung. Zwar ist noch eine Menge zu tun, doch eines ist jetzt schon klar: Wir werden pünktlich fertig. Das sah vor einer Woche noch ganz anders aus. Da warteten wir auf den Kunsttransport mit den Leihgaben und Teilen des Ausstellungsmobiliars aus Italien. Es verging ein Tag, der zweite Tag begann. Nachmittags traf der Transporter endlich ein; eineinhalb Tage zu spät. Ein Missverständnis beim Zoll hatte die Ausreise aus Italien verhindert, später sorgten lange Wartezeiten an den österreichischen Grenzen für mehrstündige Verspätungen. Anstatt zwei Tagen blieben uns nun nur noch wenige Stunden bis zum Eintreffen der Kuriere für den Aufbau. In Windeseile wurde entladen und dann bis tief in die Nacht gehämmert und gebohrt, gerückt und geschoben. Donnerstagmorgen, als die ersten Kuriere kamen, sah es aus, als sei fast nichts gewesen. Eigentlich waren wir vor allem froh, dass der Transporter überhaupt so prall gefüllt gekommen war. Auch dies war in den Wochen zuvor alles andere als zu erwarten. Die seit Herbst geltenden neuen Regularien zur Leihgabenpraxis und den Ausleihbedingungen in Italien hatten uns erwischt. Neue Zuständigkeiten, unklare Kompetenzen, noch mehr Bürokratie, unter der, das ergaben die seither geführten zahllosen Gespräche, vor allem die italienischen Kollegen in den Museen immer mehr leiden, hatten sich gegen uns verschworen. Für uns alles ziemlich unerwartet. Objekte, die seit einem halben Jahr sicher schienen, wurden abgesagt oder zugesagte Anzahlen drastisch reduziert.
Doch mit vereinten Kräften und Unterstützung von allen Seiten gelang es schließlich doch noch, zum Beispiel die Funde aus dem Schiffswrack von Comacchio nach Kalkriese zu bringen. Für das eine oder andere Stück fand sich Ersatz, der sogar besser oder schöner war als das ursprünglich geplante Objekt. Zum Beispiel die wunderbare attische Vase aus Tarquinia. Ein wahres Prachtstück! Ihre meisterhafte Bemalung erzählt die gesamte Geschichte von der Entführung des beliebten Gottes Dionysos durch die Piraten. Da sitzt er dann auf seinem Schiff, während vorne und hinten die von ihm in Delfine verwandelten Piraten ins Meer springen und hält einen Becher mit auffallend großen Henkeln in der Hand, den man an anderer Stelle gleichfalls in unserer Ausstellung bewundern kann.

Doch auch andere Überraschungen ließen uns zuweilen nach Luft schnappen wie Fische an Land. Da entpuppte sich der kleine Kupferbarren aus Cagliari, der mit 22 cm Länge angegeben war, was in der Tat ungewöhnlich handlich gewesen wäre, als 75 cm langes und rund 25 kg schweres  Objekt. Das passte nun keinesfalls mehr in die vorgesehene Vitrine. Im Gegenzug erwiesen sich andere Objekte als sehr viel kleiner als anhand der Angaben vermutet. Doch derlei Missverständnisse sind nicht ungewöhnlich. Viele unserer Leihgaben sind »brandneu« und noch gar nicht wissenschaftlich vollständig bearbeitet. Andere wiederum schlummern sicher verwahrt im Depot, weil für sie in der Dauerausstellung kein Platz war. Erst die Leihanfrage bringt sie nach Jahrzehnten wieder ans Tageslicht. Für derartige Altbestände gibt es häufig keine Fotografien und auch die vorhandenen Angaben sind nicht selten lückenhaft. In vielen Häusern fehlt angesichts der ständig wachsenden Aufgaben und dem nicht abreißenden Strom an Neuzugängen, einfach die Zeit, um Altbestände aufzuarbeiten. Aber natürlich besteht gerade bei solchen Objekten eher die Bereitschaft, sie auf Wanderschaft zu schicken. Denn kein Museum reißt gerne Lücken in seine Dauerausstellung und verzichtet monatelang auf seine Highlights. Zum Glück sind Museen sehr kollegial. Viele helfen einander, wo sie können. Und wenn ein Konzept überzeugt und ein Thema begeistert, dann werden zuweilen auch aus der Dauerausstellung Exponate entnommen.

Das war offenbar in unserem Fall gegeben. Denn eine Vielzahl der Objekte, die wir nun in der Sonderausstellung zeigen, sind ausgesprochene Schätze. Angefangen bei dem immerhin fast 3000 Jahre alten phönizischen Schmuck über die fantastischen etruskischen Sarkophage aus Volterra hin zu den unglaublichen Wrackfunden aus Camarina und dem bereits erwähnten Comacchio. Da kann man als Kurator wahrhaft ins Schwärmen geraten und nach zwölfmonatiger intensiver Arbeit ist mir natürlich nicht nur das Thema, sondern auch das eine oder andere Objekt ans Herz gewachsen. Die Dionysosvase gehört definitiv dazu, aber auch die kleinen Purpurschnecken aus Mozia. Kaum vorstellbar, dass sie den Stoff lieferten, der vor Jahrtausenden die Mächtigen zum Träumen brachte – so klein und geradezu verletzlich liegen sie da in ihrer Vitrine und haben eben auch schon fast 2800 Jahre auf dem Buckel bzw. am Gehäuse.

Apropos verletzlich – das ist ein Stichwort, das im Grunde für die meisten Exponate gilt. Tausende Jahre alt hat an ihnen wahrhaftig der Zahn der Zeit genagt. Einige vertragen keine feuchte Luft, für andere darf es nicht zu trocken sein. Manche mögen es eher warm, andere eher gemäßigt oder gar kühl. Und dritte sind auch noch lichtscheu. All dies ist zu beachten und nicht selten passiert es dann, dass das wunderbare Arrangement, das man sich überlegt hatte, an eben solchen Gesichtspunkten scheitert. Aber: Sicherheit geht vor, schließlich haben die Objekte 3000 Jahre überlebt. Da sollen sie natürlich nicht ausgerechnet in unserer Ausstellung Schaden nehmen. Jedes der gezeigten Objekte ist einzigartig und lässt sich eben nicht ersetzen. Ein Verlust wäre unwiederbringlich. Vitrinen bieten deshalb eben nicht nur Schutz vor Staub und Händen, sondern vielfach bieten sie ein Zuhause auf Zeit, das perfekt auf die Bedürfnisse des Gastes abgestimmt ist. Bei besonders sensiblen Vertretern kontrolliert ein Überwachungssystem ohne Unterlass, ob alle Grenzwerte eingehalten werden und schlägt natürlich auch sofort Alarm, sobald sich unbefugte Finger Einlass verschaffen. Bis eine Ausstellung fertig vor uns steht ist eine Menge zu bedenken. Und am besten ist es, wenn man ihr die Mühe nicht im Geringsten ansieht. Schließlich sollen Sie, unsere Besucher, sich auf die Ausstellung konzentrieren können und durch nichts abgelenkt werden. Und auch wenn wir uns gelegentlich mal in die Karten blicken lassen, sind wir ja nicht das Thema, sondern „Gefahr auf See – Piraten der Antike“. Begeben Sie sich auf eine lange Reise durch die Antike und lassen Sie sich bloß nicht kapern!

von Heidrun Derks

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