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Die Nora-Stele – erste belegte Erwähnung der Insel Sardinien

08. September 2016 | Museumsblog | 0 Kommentare

Die Nora-Stele – erste belegte Erwähnung der Insel Sardinien

Die Nora-Stele wurde 1773 nahe des Ortes Nora gefunden, der genaue Fundplatz ist heute leider unbekannt, heute ist sie Eigentum des Museo Archeologico Nazionale der sardischen Hauptstadt Cagliari.

Die Nora-Stele – erste belegte Erwähnung der Insel Sardinien

Schlendert der Besucher durch die Kalkrieser Sonderausstellung »Gefahr auf See – Piraten in der Antike«, wird er unweigerlich an der Nora-Stele vorbei kommen. Diese ist eines von mehreren großen Steinobjekten in der Ausstellung.

Während die übrigen Steinobjekte bildliche Darstellungen von Schiffen oder Seeschlachten zeigen oder wie die Alabastersarkophage die Entführung der Helena oder Odysseus und die Sirenen, befindet sich auf der Nora-Stele lediglich eine nur für Experten lesbare Ritzinschrift. Es handelt sich dabei um Altphönizisch, eine zwar tote aber bekannte Sprache.
Trotzdem bleibt die Nora-Stele rätselhaft und selbst unter den Fachleuten ist die Deutung des Textes umstritten. Nur über einen Punkt herrscht weitgehender Konsens: Es handelt sich um die älteste historisch verbürgte Nennung des Namens der Insel Sardinien, datiert auf etwa 900 v. Chr.
Für die Uneinigkeit der Experten in der Interpretation der Stele gibt es mehrere Gründe:

Die semitischen Sprachen, so auch die modernen Sprachen Hebräisch oder Arabisch, sind Konsonantenschriften. D.h. Vokale werden nicht geschrieben. Dabei machen doch gerade sie den entscheidenden Unterschied aus.
Was bedeutet etwa WLL? Welle? Wille? Wolle? Oder HLL: Halle? Helle? Hölle? Hülle?

Hinzu kommt die nur unvollständige Überlieferung der Stele, zuweilen fehlen Buchstaben, mitunter ganze Zeilen. Das wird zusätzlich dadurch erschwert, dass weder Lücken noch Satzzeichen Worte und Sätze voneinander trennen. So zieht sich also eine endlose Schlange von Konsonanten über den Sandstein. Und zu allem Überfluss kann diese Schlange auch noch die Richtung ändern oder sogar Haken schlagen: Mal  verlief der Schriftzug von links nach rechts und dann wieder von rechts nach links. Dadurch wird es knifflig zu unterscheiden, wo ein meist nur aus drei oder vier Konsonanten bestehendes Wort beginnt oder aufhört, was ein Verb ist oder ein Substantiv, was ein Eigenname und was eine Präposition.

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Was? Nicht nur ohne Vokale, zusätzlich noch rückwärts?

Natürlich gehen unterschiedliche Leserichtungen auch mit unterscheidlichen Bedeutungen einher. Und so wie man das Wort Lager rückwärts Regal entziffert, können sich folglich auch ganz unterschiedliche Satzinhalte ergeben, zumal, wenn das Fehlen von Vokalen den Bedeutungshorizont erweitert.
So eröffnen sich also viele Möglichkeiten der Auslegung, die Stele zu lesen. Aber zumindest scheinen alle Analysten der Stele sich darin einig zu sein, dass die Konsonantenfolge der dritten Zeile BŠRDNŠ mit B als Präposition be gelesen ‚auf/bei Sardinien‘ bedeutet. Das Š am Zeilenende gehört wohl schon zum nächsten Wort in der nächsten Zeile.
Ansonsten reichen die Interpretationen des Stelentextes vom Siegesbericht über die  Friedensbotschaft bis hin zur Vermeldung eines Schiffsuntergangs.

Aber auch aus einem weiteren Anlass bietet die Nora-Stele einen Grund zum Rätseln. Besondere Aufmerksamkeit der Forscher hat nämlich noch eine mutmaßliche Ortsnamennennung auf sich gezogen: Die Buchstabenfolge BTRŠŠ wird von einigen Forschern mit be-Taršiš (in/bei/mit Taršiš) gedeutet.
Taršiš begegnet uns in der Bibel als ein Ort, der weit im Westen des Mittelmeers liegt. Manche glauben, es handele sich um Tartessos in Südspanien, das zunächst Handelspartner der Phönizier war und später von den Karthagern zerstört wurde.
Aber vielleicht gab es  mehrere Orte mit dem Namen Taršiš? War das sardische Nora, wo die Stele 1773 gefunden wurde, einer davon? Oder gab es nur das eine Taršiš und die Gleichsetzung mit Tartessos ist falsch? Einige Forscher meinen, mit TRŠŠ/Taršiš sei ein nur zufällig gleichnamiger Ort gemeint, womöglich der phönizische Name Noras oder einer Siedlung in der Nähe. Dabei gibt es streng genommen gar keinen weiteren Grund das biblische Taršiš in Spanien zu suchen, als dass Tartessos ebenfalls ein Ort war, an dem die Phönizier Blei und Silber abbauten bzw. von den einheimischen Eliten kauften.

Was folgt aus all dem?

Selbst wenn die Völker schreiben konnten (und das Buchstabenalphabet der Phönizier war die Grundlage für das griechische und dieses wiederum für das lateinische, also unser Alphabet), bleiben oft mehr Fragen offen als dass uns die Quellen Antworten geben.


von Andreas Böcker

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