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A walk in the park #KultTrip

05. August 2016 | Museumsblog | 0 Kommentare

A walk in the park #KultTrip

A walk in the park oder Wandeln auf den Spuren der Römer #KultTrip

Vom Besucherzentrum geht es gleich wieder ins Freie, wenn man die Dauerausstellung zur Varusschlacht besuchen will. Doch heute gehe ich nicht in die Ausstellung, sondern folge dem Weg der Römer im Museumspark. Der erste Eindruck: Ganz schön weitläufig und ruhig. Der Park des Varusschlacht Museums ist tatsächlich selbst ein Teil der Ausstellung, wie ich auf meinem Spaziergang feststelle. Mir fällt dabei auf, dass der Turm, mit dem Museum und seiner Aussichtsplattform, stets über den Bäumen hervorragt – ein Leuchtturm der Geschichte, wenn man so will.

Zurück zu meinem Spaziergang. Ich betrete den Park über eine Brücke, die aus ganz in Reih und Glied angeordneten Stahlplatten besteht. Sie sollen an eine Legion auf dem Marsch erinnern. Auf einer der Platten lese ich den ersten Text auf meinem Weg:

Überlieferung… unweit des Teutoburger Waldgebirges, wo die Überreste des Varus und der Legionen unbestattet liegen sollen… Haud procul teutoburgiensi saltu inquo relicuiae vari legionumque insepultae dicebantur…
(Cornelius Tacitus römische Geschichtsschreiber geboren um 55 n. Chr.)


Das Wandeln auf dem Pfad der Geschichte beginnt hier mit der Geschichtsschreibung. Meine Schuhe klacken auf dem harten Untergrund und schallen durch das kleine Wäldchen, das den Weg beschattet. Als ich einem kleinen Anstieg auf die weitläufige Wiese des Parks folge, beginnen die geordneten Platten sich leicht zu zerstreuen. Ein Kubus in derselben rostigen Optik, wie sie den großen Turm auszeichnet, begegnet mir. Neugierig gehe ich hinein – im Inneren des Würfels herrscht eine unerwartete Dunkelheit. Ich folge dem verschachtelten Gang und nun wird mir der Grund für die dunklen Verhältnisse offenbar: Der Kubus ist eine betretbare Camera Obscura.

Umgekehrt, sehe ich das Abbild des Museumsparks, aus dem ich gerade komme. Das ehemalige Schlachtfeld ist heute nicht mehr als solches zu erkennen und wird hier buchstäblich auf den Kopf gestellt. Erste Fragen kommen auf im Pavillon des Sehens. Ich verweile einen Moment, betrachte das skurrile Bild und trete dann zurück ins Sonnenlicht. Weiter geht es auf den Stahlplatten, die der Witterung ausgesetzt sind und Spuren von Flugrost tragen. Es ist ein rostiger Faden, der sich durch den Park des Varusschlachtmuseums in Form des Weges und der Gebäude zieht. Die Abstände zwischen den Platten vergrößern sich und der einst geordnete Zug von Bodenplatten versprengt sich zusehends auf der Fläche. Ich sehe Kinder, die von Platte zu Platte springen.

Immer wieder halte ich inne, weil ich die herausgearbeiteten Texte lesen will. Man ist gezwungen sich einen Moment zu konzentrieren, da die Worte über die Zeile hinausfließen. Auch das Lesen eines Reliefs ist für mein an Druckerschwärze oder digitale Schrift gewohntes Auge neu. Die Texte handeln von Emotionen wie Zorn, aber auch von den landschaftlichen Gegebenheiten wie dem Moor und von Personen der Schlacht wie Varus selbst. Der berühmte Ausruf Ausgustus ist hier in Stahl gemeißelt:

Varus, gib mir meine Legionen zurück! Quintili Vare, legiones redde!

Etwas abseits des eigentlichen Wegs der Römer, sehe ich einen weiteren, rostigen Kubus mit einem kurios wirkenden Aufsatz am Waldrand. Er erinnert an den Schallverstärker eines Grammophons oder eine überdimensionierte, antiquierte Hörhilfe. Neugierig weiche ich von meinem eigentlichen Weg ab. Im Pavillon des Hörens erwartet mich das Ende des Hörrohres und der Hinweis, dass es drehbar ist. Meinen Kopf kann ich in das Rohr halten und ich lausche – Blätterrauschen, vereinzelte Stimme, aber auch das hintergründige Rauschen der nahegelegenen Bundesstraße sind zu hören. Kaum zu glauben, welcher Lärm hier vor 2000 Jahre herrschen musste als die Römer auf die Germanen trafen.

Zurück auf meinem bisherigen Pfad, führt mich der weitere Weg in eine Senke, die von rostigen wie Wellblech wirkenden Stahlplatten gesäumt ist. Der sogenannte Landschaftsschnitts thematisiert die Ausgrabungen auf dem Gelände und zeigt die Bodenschichten. Ich betrete die historische Oberfläche von vor 2000 Jahren, die ansonsten von einem ein Meter dicken Eschauftrag verdeckt ist, der von den Archäologen abgetragen wurde. Archäologische Ausgrabungen und Forschung sind immer noch aktuell auf dem Gelände des Museumsparks. In diesem Jahr wurde bei Grabungen der herausragende Fund von acht Goldmünzen des Typs Gaius/Lucius gemacht. Dies ist ein anderes Thema, dem ab November eine Kabinettausstellung gewidmet wird.

Es geht wieder hinauf, aus dem Erdreich zurück an die Oberfläche, und hier begegnet mir eine Nachbildung des Walls. Man kann ihn selbst betreten und von der Anhöhe hinabblicken oder sich in die Position der Römer vor dem Wall versetzen. Auf den ersten Blick wirkt der Wall recht niedrig, doch wenn ich direkt davor stehe, wird mir klar, dass auch diese Höhe ein ernst zunehmendes Hindernis darstellt. Es sind Stahlpfähle, die am Rand des Waldes, den weiteren Verlauf des Walls nachzeichnen – ein weiterer rostiger Pfaden, der sich durch die Landschaft zieht.

Mein Weg führt mich schließlich zum Pavillon des Fragens. Auf den Stahlplatten davor, kommt nun auch Erich Kästner zu Wort und ruft mir literarisch den zweiten Weltkrieg in Erinnerung. Ich betrete einen leeren Kubus mit Schlitzen in einer Wand durch die ich auf den Weg, den ich gegangen bin, zurückblicken kann. Kleine Fenster in die Vergangenheit und die Zukunft, vereint unter der immer währenden Frage nach dem Warum des Krieges – ob vor 2000, 70 Jahren oder heute.

Mein Rückweg zum Turm des Museums führt mich durch ein beschauliches Waldstück, in das die Geräuschkulisse der Moderne dringt. Ab und an begegnet einem auch hier noch eine Stahlplatte mit Text und Infotafeln auf dem Hauptweg. Doch auch kleinere Wege laden zum Schlendern und Nachdenken ein. Mitten im Wald entdecke ich eine Holzkonstruktion: Eine Feuerstelle mit halbem Dach und Bänken, die für Mitmach-Programme und Aktionstage genutzt wird. Ich mache hier einen Moment Rast und lasse den gesammelten Eindrücken ihren Raum.

 

von Vanessa Peral

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