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Interview mit unseren »Goldjungs«

30. June 2016 | Museumsblog | 0 comments

Interview mit unseren »Goldjungs«

Interview mit unseren »Goldjungs«

Die Pressekonferenz mit dem Osnabrücker Oberbürgermeister Wolfgang Griesert am 8. Juni war gerade vorbei, da traute am 9. und 10. Juni das Grabungsteam vom Museum und Park Kalkriese und der Universität Osnabrück unter der wissenschaftlichen Leitung von Salvatore Ortisi und Marc Rappe bei der Öffnung eines neuen Schnitts seinen Augen nicht. Zunächst kamen sechs und am nächsten Tag zwei weitere Goldmünzen zum Vorschein. Mit diesen acht neuen Gaius-Lucius-Aurei wird der bisherige Bestand des Museums von sieben auf fünfzehn mehr als verdoppelt. Aus früheren Zeiten bekannte Aurei aus dem Fundgebiet Kalkriese sind leider heute größtenteils verschollen.

VARUSSCHLACHT im Osnabrücker Land – Museum und Park Kalkriese:  Herr Rappe und  Herr Fehrs, Sie haben am 9. und 10. Juni bedeutende Funde gemacht, erzählen Sie doch mal.

Klaus Fehrs:  Naja... es fing ganz harmlos an, wir haben eine Fläche freigebaggert, bzw. Marc  hat sie freigebaggert... Ich hatte das Suchgerät noch gar nicht angesetzt, da sehe ich bereits auf der Fläche etwas funkeln. Im ersten Moment habe ich gedacht, dass das vielleicht ein Alupapier von einem Kaubonbon ist. Aber es war ein Aureus. Da habe ich Marc gleich herbeigewunken, aber der meinte: „Nein, den hast du jetzt dahingelegt“.

Marc Rappe: Ja, genauso sah das nämlich aus. In dem Moment, in dem ich abgezogen habe, sprang dieser Aureus genau aus der Torflinse, die ich gerade geteilt hatte, und in dem Moment dachte ich, dass Klaus mir aus Spaß da eine Münze hingeworfen hat, um mich zu motivieren. Aber nach der zweiten, dritten und vierten, nach der fünften und nach der sechsten Münze vor allem hab ich's dann geglaubt. Am nächsten Tag kamen dann noch mal zwei per Detektor. Das heißt, wir haben jetzt acht augusteische Aurei innerhalb eines Quadratmeters gefunden.

MuP Kalkriese: Herzlichen Glückwunsch zu diesem tollen Fund. Was bedeutet dieser neuerliche Fund von acht Goldmünzen für den Standort Kalkriese?

Fehrs: Eigentlich nicht viel. Abgesehen davon, dass Gold immer etwas Besonderes ist, ist das im Prinzip auch nur ein weiterer Fund. Jetzt wäre zu überlegen, ob das was mit dem Verlust eines – wahrscheinlich – Offiziers zu tun hat oder ob die Stücke während der Schlacht auf andere Weise in den Boden gekommen sind.

Rappe: Ja, also acht auf einen Streich sind schon eine kleine Sensation, zumal sie innerhalb eines Quadratmeters zum Vorschein gekommen sind. Diesen Befund müssen wir jetzt noch abarbeiten. Acht Aurei aus augusteischer Zeit sind wirklich nicht schlecht.

MuP Kalkriese: Ändert sich damit etwas für die Interpretation des Geschehens hier am Ort?

Rappe/Fehrs: Nein, nichts.

Rappe: Die Gaius-Lucius-Münzen waren bis jetzt auch die Schlussmünzen (Münze mit dem spätesten Prägedatum), egal ob es als Denar (Silber) oder als Aureus (Gold) war. Die Enddatierung bleibt: Diese Münzen wurden von zwei vor Chr. bis vier nach Chr. in Lyon geprägt. Sehr wahrscheinlich gehörten sie einem Zenturio oder einem anderen Offizier, wenn da nicht tatsächlich jemand seinen Jahressold mitgeführt hat.

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Gaius/Lucius-Prägungen sind Münzen, die sowohl als Aurei (also als Goldmünzen) als auch als Denare (also Silbermünzen) vorliegen. Sie sind benannt nach den Enkeln Augustus‘, die im Revers, im Abschnitt, mit C-L-Caesares benannt werden. In der Umschrift werden sie als AVGVSTI F COS DESIG PRINC IVENT bezeichnet, was aufgelöst so viel wie ‚Söhne des Augustus, designierte Konsuln und Anführer der Jugend‘ bedeutet. Im Innern des Münzrevers sieht man die Caesares mit Schild und Speer, außerdem einen Lituus und ein Simpulum. Lituus und Simpulum sind Zeichen ihres priesterlichen Ranges. Im Avers ist das Konterfei des Augustus mit der Umschrift CAESAR AVGVSTVS DIVI F PATER PATRIAE zu sehen: ‚Caesar Augustus, Sohn des Vergöttlichten (Gaius Julius Caesar), Vater des Vaterlandes‘. Mit dem Tod der beiden Brüder in den Jahren 2 und 4 n. Chr. waren jegliche Hoffnungen Augustus‘ in einem seiner Enkel einen Nachfolger gefunden zu haben, zerstört, die Münzserie brach ab.  
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MuP Kalkriese: Herr Fehrs, Sie arbeiten nun seit bereits 25 Jahren für die Kreisarchäologie und das Museum Kalkriese. Freut man sich da noch, wenn man eine Goldmünze findet?

Fehrs: Natürlich! Also ich freu mich auch nicht unbedingt nur über Goldmünzen; jeder Fund, den ich als römisch ansprechen und den ich in diese Zeit datieren kann, elektrisiert mich immer wieder. Um die Quadratkilometer abzulaufen, die ich mittlerweile auf dem Felde abgelaufen habe, muss man sich einfach immer wieder neu motivieren können, sonst ginge das gar nicht.

MuP Kalkriese: Herr Fehrs, Sie sind Prospektionstechniker in Kalkriese. Erzählen Sie unseren Lesern doch mal, wie das funktioniert. Sie laufen mit der Sonde über den Acker und dann finden Sie etwas? Wie hört sich das an? Hört sich Gold anders an als Eisen?

Fehrs: Ich habe mit der Sonde natürlich eine gewisse Unterscheidungsmöglichkeit. Das heißt, ich kann Eisen von vornherein von sämtlichen anderen Bunt- bzw. Edelmetallen unterscheiden. Das ist natürlich ein guter Anhaltspunkt, vor allem wenn man einen Acker hat, auf dem sehr viel neuzeitlicher Eisenschrott liegt. Dazu haben wir auch schon mal Tests gemacht, und haben ein paar Quadratmeter von einem wirklich frequentierten Acker nach kleinsten Eisenteilchen abgesucht. Da kann es durchaus vorkommen, dass auf einem Quadratmeter bis zu dreißig Eisenteilchen liegen. Das ist dann in dem Moment gar nicht zu bewältigen. Wenn natürlich irgendwo eine Fundstreuung ist, die sich als römisch darstellt, dann lohnt es sich schon, da auch mal nach Eisen zu schauen.

MuP Kalkriese: Hatte eigentlich jeder Legionär Zugang zu solchen Goldmünzen?

Rappe: Man muss da schon von ausgehen, dass die Legionäre nicht kiloweise kleine Bronzemünzen mit sich geschleppt, sondern getauscht haben. Auch in der Antike gab es bereits so etwas wie Bänker oder „professionelle Münztauscher“, die dann einfach in Groß- oder Kleingeld gewechselt haben. Staatlich oder privat – es wird wahrscheinlich beides gegeben haben. Zudem ist zu bedenken, dass die Soldaten nicht ihren ganzen Sold ausgezahlt bekommen haben, sondern die Hälfte immer in der Truppenkasse blieb und sie die erst beim Ausscheiden bekommen haben, bzw. ihre Angehörigen, wenn sie dann verstorben sind. Man muss also davon ausgehen, dass die Legionäre tatsächlich Goldmünzen gesehen haben, zumal wenn sie keine einfachen Soldaten waren, sondern mit handwerklichen Fähigkeiten oder Aufgaben betraut, dann bekamen sie bereits den doppelten Sold. Dann ging das ziemlich schnell, dass auch ein Legionär sich einen Aureus zusammengespart hatte.

MuP Kalkriese: Herr Rappe, die Grabungen in Kalkriese stehen dieses Jahr wieder kurz vor ihrem Abschluss. Welche Aufgaben erwarten Sie nach so einer Grabung? Wie sieht die Arbeit eines Archäologen nach der Grabung aus?

Rappe: Die Funde müssen angesprochen werden, die Doku muss in Ordnung gebracht werden, da erkennen wir vielleicht noch etwas, was uns zuvor nicht aufgefallen ist. Dann müssen Funde und Befunde zueinander gebracht werden, die Pläne müssen erstellt werden, ein Fundkatalog muss geschrieben werden und die Doku muss mit einem vorläufigen Abschlussbericht oder einem Vorbericht versehen werden, so dass man schon eine erste Interpretation der Funde oder Befunde liefern kann.

MuP Kalkriese: Wurden durch die Grabung Ihre Erwartungen erfüllt? Übertroffen?

Rappe: Von den Befunden her tatsächlich ja. Und auch mit den Goldmünzen... das sind zwar zwei verschiedene Flächen, aber das ist für eine erste Grabungsleitung gar nicht so schlecht im Schnitt.

Fehrs: Das sehe ich auch so. Wenn ich dann überlege, dass ich in 25 Jahren ganze zwei Goldmünzen gefunden habe und ca. 800 Silber- und Bronzemünzen, dann ist das natürlich schon ein Highlight!

Rappe: [augenzwinkernd] Da ist mein Schnitt besser! Ich habe vier Bronzemünzen und acht Goldmünzen in einem Jahr.

Fehrs: Warte mal ab, das relativiert sich.

Rappe: [Lacht]

Das Interview führte Andreas Böcker für Varusschlacht im Osnabrücker Land – Museum und Park Kalkriese

 

 

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