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Kämpfen wie die Germanen

05. Oktober 2018 | Museumsblog | 0 Kommentare

Kämpfen wie die Germanen

Schwerter und Schilde faszinierten mich schon als Kind und nachdem ich beim Linealfechten in der Grundschule einfach zu viele Lineale zerbrochen hatte, baute mir mein Vater mein erstes Holzschwert. Im Studium kam ich dann über meinen Mitbewohner zum Wikingerreenactment und darüber zum Reenactmentfechten und inzwischen betreibe ich seit zehn Jahren historisches Fechten. Außerdem begann ich, mich auch wissenschaftlich mit Schwertern und Schilden zu beschäftigen. Mit ihrer Herstellungstechnik und, gemeinsam mit meinem langjährigen Freund und Fechttrainer Roland Warzecha, auch mit ihrer Verwendung. Dabei habe ich einiges gelernt, vor allem, dass historische Kampfkunst nicht so funktioniert wie in Hollywoodfilmen.

Aber hatten die Germanen überhaupt schon eine Kampfkunst? Na ja, die ersten Schwerter und Schilde stammen aus der Bronzezeit. Die Vorfahren der Germanen hatten bis zur Varusschlacht also schon ca. 1500 Jahre Zeit herauszufinden, wie man sie effektiv verwendet. Und da sich die germanischen Stämme laufend untereinander bekriegten, hatten sie auch genügend Möglichkeiten dazu. Effektives Kämpfen setzte sich vermutlich recht schnell durch. Wer es nicht beherrschte, überlebte einfach nicht sonderlich lange.

Aber woher wollen wir überhaupt wissen, wie die Germanen gekämpft haben? Leider hat sich kein Lehrbuch aus dieser Zeit erhalten und vermutlich gab es auch gar keins, da das Wissen mündlich weitergegeben wurde. Zum Glück sind wir bei der Frage aber nicht auf Raten angewiesen:

Die Vorstellung, Kampfkünste bestünden aus einer Aneinanderreihung akrobatischer Kunststücke und geheimer Tricks, ist ein weit verbreiteter Irrglaube. Alle Kampfkünste und damit auch die der Germanen wurden damals wie heute von anatomischen, geometrischen und physikalischen Gesetzmäßigkeiten bestimmt. Aus den Eigenschaften der Waffen können wir also darauf schließen, wie sie verwendet wurden.

Wenn man Filme sieht oder auf Reenactmentveranstaltungen geht, dann werden die Schilde meistens flach vor den Körper gehalten, um ihn damit zu decken. Aber ist das so eine gute Idee? Schauen wir uns doch mal die germanischen Schilde an: zur Varusschlachtzeit sind sie meistens länglich, rechteckig, oval, sechseckig oder irgendwo dazwischen, sie sind bis ca. einen Meter lang. Später werden sie rund mit Durchmessern von ca. 70-115 cm. Sie bestehen aus Holzplanken, die vermutlich untereinander verleimt und auf der Vorder- und Rückseite mit Leder, Rohhaut, Darm oder Textilien bezogen waren. Mit der Frage nach den Details ihrer Konstruktion, vor allem, womit sie auf Vorder- und Rückseite bezogen waren, beschäftigt sich gerade ein interdisziplinäres Forschungsprojekt unter der Leitung von Rolf Warming von der Society for Combat Archaeology, der schon einige spannende Zwischenergebnisse auf Facebook veröffentlicht hat. Auf die Ergebnisse dieses Projektes bin ich wirklich gespannt, da unsere Kampfkunstrekonstruktion natürlich nur dann gut wird, wenn unsere Ausrüstung möglichst originalgetreu rekonstruiert ist!

Gehalten werden die Schilde an einem starren zentralen Griff, der über einer Aussparung in der Mitte des Schildbrettes verläuft. Diese ist auf der Vorderseite von einem Schildbuckel bedeckt. Sticht oder schlägt jemand auf den Rand des Schildes, dann dreht dieser sich um den Griff wie eine Drehtür und man kann nichts dagegen tun! Außerdem sind die Schilde sehr dünn: sie sind meistens unter 1 cm stark und oft werden sie zum Rand hin bis auf 2,5-6 mm dünner! Woher ich das weiß? Ein paar Schilde haben sich vollständig erhalten, vor allem in Norddeutschland und Skandinavien. Außerdem kann man die Dicke der Schilde anhand der Länge der Niete in Schildbuckeln, Schildgriffen und der Dicke der Schildrandbeschläge bestimmen. Ein Schildbuckel mit Schildgriff und Schildrandbeschlag wurde auch hier in Kalkriese gefunden. Hierbei könnte es sich um die Überreste eines Auxiliarschildes handeln: Der Schildbuckel ist vermutlich germanisch, der Schildgriff römisch. Auch dieser Schild hatte die oben genannten Maße: Die Niete im Schildgriff zeigen, dass das Schildbrett hier 6 mm stark war, am Randbeschlag war es nur noch 3 mm stark.

Hinter so einem dünnen und schlecht stabil zu haltenden Schild möchte ich mich nicht verstecken! Aber was tut man damit?

Wir können davon ausgehen, dass die Form von Waffen niemals willkürlich sondern immer zweckoptimiert war. Schließlich hängt das Leben des Kämpfers vom optimalen Funktionieren seiner Waffen ab. Da Schilde der beschriebenen Art über Jahrhunderte in Gebrauch waren, müssen sie also irgendwelche Vorteile haben. Vermutlich lag ihre wahre Stärke nicht so sehr im Schutz- sondern vielmehr in ihrem Angriffspotenzial. So lässt sich ein flacher Schild hervorragend in Verlängerung des Schildarmes für Stöße mit der Kante benutzen, um so den Gegner im Zweikampf aktiv zu attackieren. Davon ausgehend wäre das Hauptziel der gegnerische Schild gewesen. Mit einem Stoß oder Druck der Schildkante gegen die Schildfläche des Gegners hätte so versucht werden können, dessen Deckung zu öffnen, um ihn dann sofort mit der Waffe anzugreifen. Das funktioniert sehr gut, da diese Schilde durch ihre Konstruktion sehr leicht sind.

Zum Glück habe ich hier in Kalkriese ein paar Leute gefunden, die meine Begeisterung für historische Kampfkunst teilen und mit denen ich wöchentlich trainieren kann. Wie so ein Kampf mit germanischen Schilden unserer Meinung nach aussieht und welche weiteren Überlegungen für unsere Rekonstruktion wichtig sind, haben wir beim Forum Kalkriese vorgeführt. Eine gute Nachricht für alle, die es gerne gesehen hätten, aber nicht dabei sein konnten: Grabungsleiter Marc Rappe hat sowohl einen Teil unserer Vorbereitung als auch der Vorführung mitgefilmt!

von Ingo Petri

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