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Fifty shades of brown

18. Juni 2018 | Museumsblog | 0 Kommentare

Fifty shades of brown

Das Arbeitsleben eines Restaurators ist sehr facettenreich und die durchzuführenden Tätigkeiten sehr abwechslungsreich. (Nein, ich möchte wirklich keinen anderen Beruf haben.)

Ich möchte nun einen Einblick in einen Arbeitsbereich geben, der mit Farben zu tun hat aber nicht sehr farbenfroh ist. Ich wurde mit einer sehr interessanten Aufgabe für unsere neue Sonderausstellung „GÖTTER GLAUBEN und GERMANEN“ betraut, oder eher gesagt habe ich sie an mich gerissen mit den Worten: „Das kriege ich hin, das sieht danach viel besser aus!“. Ein Exponat, so nennen wir die in einer Ausstellung gezeigten Objekte, der neuen Sonderausstellung ist eine Abformung der „Männer von Hunteburg“.

Glücklicherweise wurde nach dem Auswickeln der Beiden aus den Mänteln eine Abformung angefertigt.
Die Methode der Abformung wird in der Restaurierungspraxis immer dann angewendet, wenn man ein Stück duplizieren möchte und eine Kopie braucht. Eine andere Möglichkeit ist das Abformen einer Fundsituation, die nach der Bearbeitung in dieser Form nicht mehr vorhanden, also zerstört ist.
Beispiele sind die Kopie der Maske, oder anderer Fundobjekte. Weil die Originale sehr korrosionsanfällig sind, wurden deshalb die Kopien in einer Wanderausstellung gezeigt. Die Knochengrube, die in der Dauerausstellung zu sehen ist, ist die Abformung einer Fundsituation. Angefertigt wurde sie direkt auf der Ausgrabung, danach wurden die Knochen einzeln entnommen und zur Bearbeitung weiter an den Anthropologen gegeben.
Jetzt gibt es also eine Kopie der beiden Männer die auf ihren Mänteln liegen, aus Gips gefertigt und auf einem Holzkasten montiert. Dieser hat Fehlstellen und ist blau angemalt. Die Moorleichen wirken einfach angepinselt, in einem hellen Sandton, und die Knochenpartien sind dunkel hervorgehoben.
Die Mäntel lassen sich kaum vom angedeuteten Erdreich unterscheiden. Kurzum sehen sie ziemlich hässlich aus und wirken nicht gerade realistisch. Was das betraf waren wir so ziemlich einer Meinung, auch mit meiner Kollegin aus der Stadt- und Kreisarchäologie Osnabrück, die uns die Abformung als Leihgabe zur Verfügung stellt. Wir erhielten das Okay die Abformung farblich neu zu gestalten, und so den Besuchern ein ansehnliches Exponat zu präsentieren.

Ein bisschen regte sich mein Restauratorengemüt: die Farbfassung ist ja schon fast „historisch“ und ein Übermalen würde diesen Zustand zerstören. Aber so war das Exponat einfach nicht ausstellungsgeeignet, allenfalls um weiter im Depot zu verstauben.So ging es ans Werk: als erstes wurde eine einfache Reinigung mit Wasser durchgeführt, um anhaftende Staubauflagerungen zu entfernen.
Da nicht zu ermitteln war mit welchen Farben vor fast siebzig Jahren gearbeitet wurde, gab es als erste Schicht einen Anstrich mit Tiefengrund. Das hatte auch den Vorteil, dass die Flüssigkeit in die feinen Haarrisse eindrang und diese damit festigte. Auch gab es vereinzelt kleine Schollen die drohten abzuplatzen und damit gefestigt wurden.

Dann standen wir vor einem Problem: es gibt zwar einige Abbildungen der beiden vom Fundzustand und nach der Bergung, aber leider noch keine Farbfotos.
Wobei man ja bei Fotos auch nicht immer davon ausgehen kann, dass man die originale farblich korrekte Abbildung sieht. Aber eine Farbfotografie wäre schon eine große Hilfe gewesen. So konnte man auf den Schwarz-Weiß-Aufnahmen nur erkennen, dass die Moorleichen wesentlich heller als die Mäntel und das umgebende Erdreich waren. Es gab auch Versuche die Farbe mit Worten zu beschreiben, aber unter graubraun kann man viel interpretieren. Also orientierten sich meine Praktikantin Clarissa und ich an existierenden Moorleichen. Wobei einige auch durch Konservierungsmittel eine Farbveränderung mitgemacht haben könnten. Es wurde mit Künstler-Acrylfarben gearbeitet. Diese wurden lasierend in mehreren Schichten mit einem Schwamm aufgetupft.  Ein Arbeiten mit dem Pinsel kann sonst wieder den Eindruck von angepinselt vermitteln. Das Auftragen von mehreren Schichten führt zu einer gewissen Tiefe. Es soll vermittelt werden, dass es sich um echte Moorleichen handelt.

Unter den vielen Brauntönen die richtigen zu treffen ist nicht immer einfach. Zwischenzeitlich gab es eine Phase da sahen die beiden Männer aus wie in Schokolade getaucht. Auch die Mäntel weisen durch die Lagerung im Moor nur noch Brauntöne auf. Ehemals aus farbenprächtig gefärbter Wolle gewebt, gibt es nur noch ein einheitliches Braun. Hierbei ist dann die Herausforderung, dass die angemalte Gipskopie nicht glänzt, sondern einen matten Schimmer von Wolle aufweist.
Die Lagerung im Moor führt dazu, dass alle organischen Materialien, die menschlichen und die tierischen (pflanzliche erhalten sich nicht), in einem nahezu einheitlichen Rotbraun gefärbt sind. Ehemals blasse Haut: braun. Ehemals blonde Haare: braun. Ehemals farbenprächtige Mäntel: braun. Dieses Braun hat vielfältige Schattierungen, von rötlich bis gräulich. In der Farbpalette eines archäologischen Restaurators finden sich hauptsächlich Erdtöne. Fröhliches Gelb oder leuchtendes Himmelblau gibt es eher selten.
Von einem der beiden Prachtmäntel gibt es eine Rekonstruktion, die in unserer Ausstellung zu sehen ist. Nur so lässt sich die ehemalige Pracht erahnen. Es ist faszinierend, wie sich die Wollmäntel erhalten haben. Die Erhaltung von organischen Materialien ist in Kalkriese aufgrund der Bodenbedingungen eher schlecht. Auf meinen Tisch gelangen höchstens ein paar Holzreste, die sich in Tüllen von z.B. Lanzenspitzen erhalten haben.
Um die Löcher im Holzkasten zu verdecken, wurde eine Abdeckung aus Presspappe rundherum angebracht. Diese Abdeckung wurde braun lackiert.
Um den Faktor realistisch noch zu erhöhen, wurde in den Erdbereichen Torf aufgebracht. Dazu wurde ein handelsüblicher Sack Torf und eine Tube Holzleim aus dem Baumarkt besorgt. Der Leim wurde auf die Abformung an den Stellen aufgetragen, an denen der Torf haften sollte. Dieser wurde direkt in den Leim gedrückt. Für eine zweite Schicht wurde der Leim mit Wasser verdünnt und aufgesprüht, dann nochmal Torf aufgedrückt. Um loses Erdreich zu fixieren, wurde einfach nochmal die Leimverdünnung aufgesprüht. Danach sahen die Männer aus, als ob sie auf einem Torfblock liegen würden, die Mäntel und die Moorleichen heben sich nun deutlich vom Erdreich ab.
Mit neuem Make Up und einer ordentlichen Moorpackung sind die beiden nun gut gerüstet für einen Ansturm von vielen neugierigen Besuchern.

Von Christiane Matz

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