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Kalkriese als Ort der Varusschlacht?

Großes Forschungsprojekt in Kalkriese

Das neue Forschungsprojekt „Kalkriese als Ort der Varusschlacht? – eine anhaltende Kontroverse“ befasst sich mit Untersuchungen zur kulturhistorischen Kontextualisierung der archäologischen Funde des antiken Schlachtfelds von Kalkriese. Die Volkswagen-Stiftung hat Museum und Park Kalkriese  im Rahmen der Förderinitiative „Forschen in Museen“ das auf drei Jahre angelegte Forschungsvorhaben bewilligt. Kooperationspartner des Projekts sind das Deutsche Bergbau-Museum Bochum und die Ludwig-Maximilians-Universität München.

Projekt mit vielen Facetten

Gemeinsam versuchen die Forscher, mit unterschiedlichen Zugängen die Kalkrieser Sammlung historisch einzuordnen und eine Charakterisierung der vor Ort untergegangenen römischen Einheiten zu erhalten. Vier Module versuchen das Fundensemble aus Kalkriese zu fassen. Neue Untersuchungen sollen eine kulturhistorische Interpretation des Fundplatzes erlauben. Es wird u. a. versucht, mittels der Ermittlung eines metallurgischen Fingerabdrucks die Identität der in Kalkriese untergegangen Legionen zu bestimmen. Zwei weitere Vorhaben nehmen die ungewöhnliche Fundgruppe der Glasaugen und der zusammengefalteten Bleche in den Fokus. Eine öffentlichkeitswirksame Vermittlung des Projekts erfolgt laufend über eine eigene Internetseite, einen Forschungsblog und eine geplante webbasierte Datenbank, die über einen Open Access, einen freien Zugang, einsehbar sein wird. Im Jahr 2020 ist zusätzlich eine große Sonderausstellung geplant, die die Ergebnisse populär und verständlich für die Besucher aufbereiten soll. Im Rahmen des Projekts werden zwei Doktorandenstellen eingerichtet.

Mit modernen Methoden der Schlacht auf der Spur
Die kulturhistorische Einordnung der Kalkrieser Funde bildet den Schwerpunkt des ersten Vorhabens des Gesamtprojekts. Es geht darum ein näheres Verständnis zur einstigen Funktion der sehr stark fragmentierten, oft nur wenige Zentimeter große Objekte vom antiken Schlachtfeld in Kalkriese zu erlangen. In einem zweiten Modul wird der Frage nachgegangen, ob einzelne Legionen einen so genannten metallurgischen Fingerabdruck aufweisen. Dieser neue methodische Ansatz könnte im Vergleich mit weiteren Fundplätzen wie Xanten und Vindonissa die Herkunft der in Kalkriese untergegangenen römischen Einheiten klären. Zum Einsatz kommen dabei moderne Analyseverfahren. Mit einem Massenspektrometer, einer Elektronenstrahl-Mikrosonde und der Laserablation (Materialentnahme durch Laser-Beschuss) werden rund 600 Buntmetallfunde unter die Lupe genommen.  Das dritte Modul nimmt sich der ungewöhnlichen Fundgruppe der Glasaugen an. Die Funktion der unterlebensgroßen Augen ist nicht bekannt. Waren Sie eine Möbelverzierung? Oder gehören Sie als Anbringung auf Totenbetten, so genannten Klinen, in einen Bestattungskontext? Und was haben Sie auf dem Kampfplatz in Kalkriese zu suchen? In einem großen Vergleichsprojekt werden die insgesamt 23 bislang aus Germanien bekannten Glasaugen aus Kalkriese, Haltern, Oberaden, Anreppen, Xanten und Augusta Raurica (Schweiz) in ihrer chemischen Zusammensetzung analysiert. Damit soll versucht werden, zum einen die Herstellung dieser außergewöhnlichen Objekte nachzuvollziehen, über Materialanhaftungen zum anderen ermitteln, wo die Glasaugen ursprünglich angebracht waren.

Auf dem Prüfstand stehen in einem weiteren Vorhaben die in Kalkriese gefundenen mehrfach zusammengefalteten Bleche. Auch ihre Funktion innerhalb des Fundensembles ist bislang ungeklärt. Durch eine digitale Rekonstruktion sollen die „Metallpäckchen“ virtuell und in 3D entpackt, also in ihre Ausgangform zurückgeführt werden. Zentrale Fragen sind: Handelt es sich um Metallrecycling durch siegreiche Germanen oder haben die römischen Soldaten, wie durchaus üblich, das wertvolle Altmetall gesammelt und für die weitere Verarbeitung recycelt? Hier wird der Kalkrieser Sammlungsbestand mit Vergleichsstücken aus dem Römerlager in Haltern näher untersucht.

Neben dem Bergbau-Bau Museum und der LMU München unterstützen das LVR-LandesMuseum Bonn, die LWL-Archäologie für Westfalen, das LWL-Römermuseum Haltern am See, der LVR-Archäologische Park Xanten, das Archäologische Landesmuseum Baden-Württemberg, das Musée Gallo-Romain (Frankreich), die Augusta Raurica (Schweiz) und die Kantonsarchäologie Aargau das Projekt.