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Conflict Landscape

Ein neuer Forschungsansatz

Um den Verlauf der Kampfhandlungen in Kalkriese besser nachvollziehen zu können, benötigen wir detaillierte Informationen zu den kulturlandschaftlichen Rahmenbedingungen, die die Römer vorgefunden haben. Da sich die römischen Truppen auf einem Feldzug außerhalb von ihnen erschlossener Gebiete befanden, mussten sie die einheimische Infrastruktur nutzen. Deshalb gilt es, auch die Lage germanischer Siedlungen, den ungefähren Umfang der zugehörigen Nutzflächen, die Siedlungsdichte und mögliche Wegetrassen zu untersuchen. Ein aktuelles Projekt, das 2011 bis 2013 von der DFG gefördert worden ist, dient der Erforschung der germanischen Besiedlung in der Zeit um Christi Geburt und eröffnet somit eine neue Perspektive bei der Untersuchung des Schlachtfeldes von Kalkriese als Teil einer weiträumigen Conflict Landscape (Konfliktlandschaft).

Bereits bei den Ausgrabungen außerhalb des Oberesches in den 1990er Jahren waren an verschiedenen Plätzen germanische Siedlungen aus der Zeit um Christi Geburt entdeckt worden. Sie lieferten auch römische Münzen und Militaria, und es wurde damals die Frage gestellt, ob es sich bei den römischen Funden vielleicht um Beute vom Schlachtfeld handelt, die die ortsansässigen Germanen eingesammelt und teilweise weiterverarbeitet haben. Seit 2011 wurden nun mehrere Grabungen (in Venne-Vorwalde und beim Hof Dröge in Kalkriese sowie am Rand des Moores) durchgeführt, die neue Ergebnisse u.a. zur Form der Wohnstallhäuser in der Zeit um Christi Geburt, zur einheimischen Keramik, aber auch zur Herkunft der Militaria geliefert haben. Deutlich geworden ist zudem, dass es an der heute den südlichen Moorrand auf einem Flugsandrücken begleitenden Straße keine Besiedlung in der Zeit der Schlacht gab. Es ist also wenig wahrscheinlich, dass Römer in diesem Areal marschiert sind; vermutlich haben sie sich in erster Linie im Siedlungsareal am Hang des Kalkrieser Berges bewegt, wo es von den Germanen vorgegebene Wegetrassen gab, die Ansiedlungen und Ackerflächen verbunden haben.

Die Fortsetzung der Ausgrabungen auf dem Oberesch und an anderen Stellen in den kommenden Jahren könnte dazu weitere Erkenntnisse vermitteln, denn trotz der mehr als 25jährigen Untersuchungen stehen wir eigentlich noch immer am Anfang des Forschungsprojektes »Kalkriese«, das erstmals in der Geschichte der modernen Archäologie die Chance bietet, ein antikes Schlachtfeld mit neuen Methoden zu untersuchen.